Donnerstag, 17.09.2015

16:00 - 17:30

Zeichenraum

S17-05

Zur Versorgung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen - Gibt es Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Räumen?

Moderation: L. Schirra-Weirich, Aachen

Das wissenschaftliche und politische Interesse am Zustand der medizinischen, pflegerischen und psycho-sozialen Versorgung in ländlichen Räumen wächst. Ländliche Räume, so die allgemeine Feststellung, stehen vor besonderen Herausforderungen hinsichtlich der demographischen Alterung und der finanziellen Ausweitung der Angebotskapazitäten. Innerhalb der Debatte nehmen demenzielle Veränderungen eine zentrale Position ein, wobei räumliche Determinanten der Versorgung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen noch unzureichend diskutiert werden. Das Symposium möchte einen Beitrag zum Diskurs leisten und sich vergleichend (städtisch-ländlich) aus Perspektive der Versorgungsforschung der häuslichen Versorgung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen in urbanen und ländlichen Räumen widmen. (1) Der eröffnende Beitrag „Vernetzte Versorgung von Menschen mit Demenz – Zeigen sich Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen NutzerInnen?“ von Karin Wolf-Ostermann geht daher der Frage nach, ob sich Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen NutzerInnen von Demenznetzwerken zeigen, die andere Schwerpunktsetzungen in der Versorgung erforderlich machen. Dabei greift Sie auf Erkenntnisse des Dem-Net-D Projekts zurück. (2) Franziska Laporte-Uribe blickt in ihrem Vortrag „Die Gestaltung von Versorgungsarrangements in Demenznetzwerken in Deutschland – Einblicke aus der DemNet-D-Studie“ auf die praktische Umsetzung und Organisation von Multi-Akteurs-Kooperationen in Versorgungsarrangements. Im Vergleich ländlicher und urbaner Räume eruiert Sie ob Differenzen u.a. in der Inanspruchnahme von Hilfe existieren. Ihre Ausführungen geben Hinweise auf die Rolle von Demenznetzwerken als Akteure regionaler Versorgungsstrukturen. (3) Herausforderungen der Einbindung osteuropäischer Haushaltshilfen thematisiert Jasmin Kiekert in Ihrem Beitrag „Osteuropäische Haushaltshilfen in familiären Pflegesettings bei Demenz im ländlichen Raum“. Ferner fragt sie nach strategischen Möglichkeiten häusliche Versorgungsarrangements in ländlichen Räumen zu verbessern. (4) Abschließend werden Liane Schirra-Weirich und Henrik Wiegelmann in ihrem Beitrag „Perspektiven einer regional-ländlichen Versorgungstruktur für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen“ zukünftige Herausforderungen vernetzter Versorgungstrukturen fokussieren und dabei auch anhand von Diskursfragmenten „die Redeweise“ über die Zukunft der Demenzversorgungsstrukturen in ländlichen Räumen kritisch beleuchten.

16:00

L. Schirra-Weirich; H. Wiegelmann1
Sozialwesen, Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Aachen; 1 Forschungsschwerpunkt Teilhabeforschung, Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Köln;

S17-05-04 

Perspektiven einer regional-ländlichen Versorgungstruktur für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen

Hintergrund: Eine lückenhafte wohnortnahe Versorgungstruktur ist bereits heute in Teilen ländlicher Räume Realität. Für die Zukunft wird, insbesondere für ländliche Räume, zusätzlich ein doppeltes Defizit hinsichtlich professioneller und informeller Unterstützungspotenziale prognostiziert. Dies wird älteren Menschen mit gesundheitlichen Herausforderungen und deren versorgenden Angehörigen den Zugang zu Hilfe- und Unterstützungsstrukturen erschweren. Debatten zum Trotz fehlt es noch immer an ausreichend wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie z.B. die Versorgung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen in ländlichen Räumen sichergestellt werden kann. Bezugnehmend auf Daten der wissenschaftlichen Begleitevaluation des Modelprojekts „DemenzNetz StädteRegion Aachen“ behandelt der Vortrag Herausforderungen für regional-ländliche Versorgungsstrukturen und, anhand fragmentarischer Diskurselemente, die „Redeweise“ über die Zukunft der Demenzversorgung in ländlichen Räumen.
Methodik: Zur Ermittlung von ExpertInnenansichten wurde eine 3-stufige multimethodisch angelegte Delphi-Befragung durchgeführt. Die Zusammenstellung der ExpertInnen-Gruppe orientierte sich am Prinzip der Interdisziplinarität. Der Auftrag an die ExpertInnen bestand darin, den Status quo, neuralgische Punkte und mögliche Interventionen/Szenarien herauszuarbeiten.
Ergebnisse: Den ExpertInnen folgend kommt ehrenamtlichen Strukturen in Zukunft eine wichtige Funktion zur Sicherstellung der Versorgung in ländlichen Räumen zu. Betont wird ebenso der Bedarf an wohnortnahen psycho-sozialen Versorgungstrukturen. Zudem zeigt sich ein starkes Votum für die Entwicklung und Umsetzung sozialer Innovationen (neue Formen der Kommunikation und Kooperation). Konträr dazu fördert die Analyse Diskursfragmente zu Tage, die Prinzipien der ökonomischen Effizienz und finanziellen Machbarkeit maßgebliche Geltung auch in Zukunft zusprechen.
Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse der Delphi-Befragung reflektieren einen der großen Zielkonflikte im Diskurs um die Zukunft des Gesundheitssystems: Während auf der einen Seite ein starkes Votum für eine am bio-psycho-sozialen Model der Demenz orientierte ländliche Demenzversorgung hervortritt, wird gleichzeitig die maßgebliche Bedeutung ökonomischer Effizienzkriterien betont. Verweisen die Ergebnisse auf eine Re-Informalisierung der Versorgung in ländlichen Räumen? Kann daher allgemein von einer zukünftigen Zuspitzung räumlicher Disparitäten gesprochen werden?

16:20

K. Wolf-Ostermann; S. Meyer; A. Schmidt; F. Laporte Uribe1; J. R. Thyrian2; S. Schäfer-Walkmann3; J. Gräske FB 11, Human- und Gesundheitswissenschaften, Universität Bremen, Bremen; 1 Standort Witten, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE) , Witten; 2 Teilstandort Greifswald des Standortes Rostock/ Greifswald, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE), Greifswald; 3 Institut für angewandte Sozialwissenschaften (IfaS), DHBW Stuttgart, Stuttgart;

S17-05-01 

Vernetzte Versorgung von Menschen mit Demenz – Zeigen sich Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Nutzer/innen?

Hintergrund In Deutschland werden derzeit ca. 1,5 Mio. Menschen mit Demenz (MmD) überwiegend in der eigenen Häuslichkeit durch Angehörige und/oder ambulante Pflegedienste versorgt. Um Schnittstellenproblematiken zu überwinden, ist eine vernetzte Versorgung von Gesundheitsdienstleistern z.B. durch regionale Demenznetzwerke (DNW) sinnvoll und notwendig. Im Rahmen der bundesweiten DemNet-D-Studie (2012-2015) wurden Versorgungsverläufe und -outcomes von MmD analysiert, die eine solche vernetzte Versorgung erfahren. Der Beitrag geht der Frage nach, ob sich Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Nutzer/innen zeigen, die andere Schwerpunktsetzungen in der Versorgung erforderlich machen.
Methodik Im Rahmen persönlicher Interviews mit MmD und deren Angehörigen wurden nebensoziodemografische und regionalbezogenen Daten, die Demenzschwere (FAST), herausforderndes Verhalten (CMAI), Depression (GDS) sowie Alltagsfähigkeiten (IADL) und die Inanspruchnahme netzwerkbezogener Leistungen erfasst Hauptzielkriterien sind die empfundene Lebensqualität (QoL-AD), die soziale Inklusion (SACA) sowie der Verbleib in der eigenen Häuslichkeit.
Ergebnisse Bundesweit wurden 560 MmD in die Studie eingeschlossen. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten (58,3 %) sind weiblich, das Durchschnittsalter beträgt 79,7 Jahre und es wird von den Angehörige ein hoher Demenzschwergrad (FAST: Median 6) berichtet. Die Teilnehmer/innen wohnen überwiegend (61,2%) mit Angehörigen zusammen, dieser Anteil ist auf dem Land signifikant höher als in der Stadt (64,6% vs. 58,0%; p = 0,002). MmD, welche durch ein städtisches DNW versorgt werden, sind signifikant älter (80,8 vs. 78,6 Jahre) und zeigen einen schlechteren Ernährungszustand (MNA-SF: 9,5 vs. 10,1; alle p < 0,05). In den weiteren Zielparametern (CMAI, GDS, IADL, QoL-AD, SACA) zeigen sich zu Studienbeginn keine signifikanten Unterschiede. Ergebnisse zu Versorgungsverläufen werden derzeit noch erarbeitet,
Schlussfolgerung Die Ergebnisse zeigen erstmals Versorgungsoutcomes von MmD auf, welche ambulant durch städtische bzw. ländliche DNW versorgt werden. Fehlende regionale Unterschiede bzgl. Nutzer/innen würden das Hauptaugenmerk einer gelingenden Versorgung weniger auf den regionalen Bezug als auf eine gute Vernetzung bestehender Versorger legen.

16:40

F. Laporte Uribe; K. Wolf-Ostermann1; S. Schäfer-Walkmann2; J. R. Thyrian3; B. Holle Standort Witten, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE) , Witten; 1 FB 11, Human- und Gesundheitswissenschaften, Universität Bremen, Bremen; 2 Institut für angewandte Sozialwissenschaften (IfaS), DHBW Stuttgart, Stuttgart; 3 Teilstandort Greifswald des Standortes Rostock/ Greifswald, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE), Greifswald;

S17-05-02 

Die Gestaltung von Versorgungsarrangements in Demenznetzwerken in Deutschland – Einblicke aus der DemNet-D-Studie

Hintergrund Demenznetzwerke, in denen verschiedene Berufsgruppen und Institutionen zusammenarbeiten, um Menschen mit Demenz und deren Angehörige in einem hoch fragmentierten ambulanten Versorgungssystem gezielt zu unterstützen, stehen zunehmend im Fokus von Praxis, Forschung und Politik. Die Frage danach, wie dies in der praktischen Umsetzung gelingt und organisiert wird, stellte einen thematischen Schwerpunkt des Projektes DemNet-D dar. Ergebnisse der Analysen in Bezug auf Versorgungsarrangements in Demenznetzwerken werden in diesem Beitrag präsentiert.
Methoden Als Teil der multizentrischen, multiprofessionellen und multivariaten Follow-Up-Studie DemNet-D wurden qualitative und quantitative Interviews in 13 deutschen Demenznetzwerken durchgeführt. Dabei wurden u.a. Daten mit dem Instrument zur Erfassung von Versorgungsarrangements für Menschen mit Demenz (D-IVA) zur Baseline (t0) und 12 Monate später (t1) erhoben.
Ergebnisse Analysen zeigten, dass von den 560 Pflegenden mit einem Altersdurchschnitt von 63,9 Jahren (SD ± 12,9) 74,3% weiblich und 536 informell Pflegende waren. Mehr als jeder fünfte Teilnehmer mit Demenz (21,4%) lebte zu t0 allein im eigenen Haushalt. Etwa 90% der Menschen mit Demenz wurde durch formelle und/oder informelle Hilfen in der eigenen Häuslichkeit unterstützt. Dabei übernahmen (Ehe-)Partner des Menschen mit Demenz anteilig die meisten Aufgaben (z.B. Betreuung, Haushalt, Körperpflege, Organisatorisches). Ambulante Pflegedienste und Tagesgruppen gehörten zu beiden Erhebungszeitpunkten zu den am häufigsten genutzten formellen Unterstützungsangeboten. Es gab Hinweise darauf, dass formelle Hilfen (z.B. Tagespflege und Betreuungsgruppen) in unterschiedlichem Maße von Menschen mit Demenz in städtischen und in ländlichen Demenznetzwerken genutzt wurden.
Schlussfolgerung Zum ersten Mal stehen umfassende Daten zu nutzerbezogenen Outcomes in Demenznetzwerken in Deutschland zur Verfügung. Für den Vortrag werden Ergebnisse im Vergleich städtischer und ländlicher Demenznetzwerke dargestellt. Damit sind u.a. Hinweise zur Rolle von Demenznetzwerken als regionale Versorgungsstrukturen möglich.

17:00

J. Kiekert
Insitut für Angewandte Forschung und Entwicklung, Katholische Hochschule Freiburg, Freiburg;

S17-05-03 

Osteuropäische Haushaltshilfen in familiären Pflegesettings bei Demenz im ländlichen Raum

Theoretischer Hintergrund: Für viele pflegebedürftige ältere Menschen stellt die Anstellung einer Betreuungskraft aus Osteuropa eine Möglichkeit dar, im gewohnten häuslichen Umfeld zu bleiben. Bisherige Studien zeigen, dass in 50 % der Fälle, in denen eine Osteuropäerin tätig ist eine dementielle Erkrankung vorliegt. Im Zuge der Verteilung der Settings zwischen Stadt und Land lässt sich eine Tendenz hin zum ländlichen Raum erkennen. Eine interne Studie war Basis für das Projekt EUMIP. Untersucht wurden die Landkreise Breisgau- Hochschwarzwald, Emmendingen und Freiburg Stadt. Die Herausforderungen der ländlichen Infrastruktur wurden deutlich.
Methode: Das Projekt EUMIP agiert mit einem Mehrebenenansatz in den Regionen Freiburg-Stadt-Land und Frankfurt/Main:leitfadenorientierte Interviews mit MigrantInnen und in Familien, sowie Experteninterviews mit Pflegediensten. Quantitative Befragung von Fachstellen(Migration, Soziale Arbeit, Pflegestützpunkte).
Projekt: Das Forschungs- und Entwicklungsprojekt fragt nach Möglichkeiten, die Situation der Pflegearrangements in den Haushalten zu verbessern. Strategien sind auf mehreren Ebenen anzusetzen. 1.Da Angehörige Haushaltshilfen insbesondere in Erwägung ziehen, wenn bei Pflegebedürftigen eine starke demenzielle Veränderung festzustellen ist (vgl. Neuhaus u.a. 2009), soll besondere Aufmerksamkeit auf Haushalte mit Pflegebedürftigen mit einer demenziellen Veränderung gelegt werden. 2.Maßnahmen setzen an, bei der Perspektive der Pflege, die Qualifikation der Betreuungskräfte, ihren Arbeitsbedingungen und der Zusammenarbeit mit Pflegediensten. 3.Die Sichtweise der pflegebedürftigen Menschen und ihrer Angehörigen in den Blick zu nehmen und ihre Bedürfnisse und Bedarfe einzubeziehen. 4.Das Projekt zielt daher über eine Verbesserung des Umfelds und der Arbeitsbedingungen von Live-ins auf eine verbesserte häusliche Pflege. Das Projekt ergänzt die aktuelle Forschung in anwendungsbezogener Perspektive. Die Katholische Hochschule Freiburg kann mit dem Projekt realistische und nachhaltige Veränderungsprozesse in der Praxis initiieren, Auf wissenschaftlicher Ebene spiegelt sich das Spannungsfeld in der wissenschaftlichen Kooperation von Migrationsforschung, Gerontologie und Pflege wider und wird anschlussfähige Erkenntnisse für migrationsbezogene, pflegewissenschaftliche und gerontologische Fragestellungen im ländlichen Raum erbringen. Durchgeführte Projekte wie „Pflegemix“ fließen in die Betrachtung ein.

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