Freitag, 18.09.2015

12:00 - 13:30

B004

S18-08

Wege zur digitalen Inklusion: Person- und Umweltaspekte zur Nutzung von Technik im Alter

Moderation: M. Doh, Heidelberg

Moderne Gesellschaften vollziehen derzeit einen Transformationsprozess, der durch Alterung der Bevölkerung und Mediatisierung gekennzeichnet ist. Damit verbunden werden Alltags- und Lebenswelten älterer Menschen zunehmend durch neue Technologien und Medien geprägt. Diese Innovationen bieten vielfältige Potenziale und Ressourcen zur Kommunikation, Information, Bildung, gesellschaftlichen Teilhabe, Mobilität und Autonomie. Gleichwohl stellen diese Innovationen mit ihrer hohen Veränderungsdynamiken für ältere Menschen in besonderer Weise einen Umweltdruck dar und bergen Risiken des Autonomieverlusts, der Ausgrenzung und der Obsoleszenz. Dabei besteht nicht nur eine Digitale Kluft zwischen Alt und Jung, sondern gleichermaßen auch zwischen soziodemografischen Gruppen älterer Menschen. Insbesondere alleinlebende hochaltrige Frauen, bildungsferne und einkommensschwache Personen, ältere Migranten und Personen aus dem ländlichen Raum weisen eine erhöhte Technikdistanz auf und sind verstärkt von Zugangsbarrieren zu neuen Technologien betroffen. Das Symposium beleuchtet diese Thematik aus verschiedenen interdisziplinären Blickwinkeln und will Möglichkeiten und Wege zur Überwindung von personenzentrierten und umweltbezogenen Barrieren diskutieren. Alexander Seifert betrachtet anhand repräsentativer Befragungsdaten aus der Schweiz verschiede Ausprägungen der Internetnutzung im Alter, aber auch Hindernisse und die wahrgenommene Gefahr der sozialen Exklusion, gefolgt von einer Diskussion zu möglichen Interventionsmaßnahmen. Michael Doh berichtet Befunde aus der bundesweiten Initiative der „Senioren-Technik-Botschafter“. Technikerfahrene ältere Menschen fungierten hierbei als Wissensvermittler für technikunerfahrene ältere Menschen. Im wissenschaftlichen Fokus stand die Erfassung von förderlichen und hinderlichen Person- und Umweltaspekten im Umgang mit mobilen IKT. Laura Schmidt untersucht die Technikhandhabung älterer Menschen mit und ohne leichte kognitive Beeinträchtigung in einer experimentellen Studie, in der sowohl kognitive Indikatoren als auch psychologische Konstrukte aus dem Bereich der Einstellungen und Überzeugungen zur Erklärung der Leistung herangezogen werden. Eline Leen und Sonia Hetzner präsentieren Daten der Vergleichsstudie „MobiSen“ zur Nutzung von Laptops und Tablet-PCs bei älteren, unerfahrenen IKT Nutzern im Rahmen von E-Learning Kursen. Desweitern werden Leitlinien für E-Learning Kurse für Senioren vorgestellt.

12:00

A. Seifert
Zentrum für Gerontologie, Universität Zürich, Zürich/CH;

S18-08-01 

Soziale Exklusion älterer Menschen im digitalen Zeitalter am Beispiel der Internetnutzung im Alter

In der heutigen Wahrnehmung von Technik im Alltag fällt häufig das Akronym „IKT“, mit dem Informations- und Kommunikationstechnologien wie beispielsweise das Internet gemeint sind. In den letzten Jahrzehnten haben der Computer und das Internet die Gesellschaft und deren Kommunikationsverhalten nachhaltig beeinflusst. Für die Gerontologie stellt sich hier die Frage, inwieweit ältere Menschen diese Technologien akzeptieren und in ihren Alltag integrieren. Das Thema „Internet im Alter“ kann dabei ambivalent betrachtet werden. Auf der einen Seite erzeugen neue Techniken Ungleichheiten im Alter, wenn ältere Menschen diese Techniken erst mühsam neu erlernen müssen oder wenn ihnen durch die Nichtnutzung Nachteile (z.B. bei der Informationsbeschaffung oder beim Zugang zu Dienstleistungen) entstehen. Auf der anderen Seite hilft das Internet, das Leben im Alter zu bewältigen und Beeinträchtigungen zu kompensieren. Anhand der für die Schweiz repräsentativen Befragungsdaten soll diese Frage der Ambivalenz des Themas „Internetnutzung im Alter“ besprochen werden. Grundlage hierfür ist die aktuelle Befragung bei 1037 Personen ab 65 Jahren (Seifert & Schelling 2015) als auch die vorhergehende Befragung bei 1105 Personen (Schelling & Seifert 2010). Im Vortrag werden die Nutzungstypen, die Hindernisse und Schwierigkeiten, die wahrgenommene Gefahr der sozialen Exklusion als auch mögliche Interventionsmassnahmen besprochen. Die Befragungsstudien zeigen dabei Chancen und Barrieren der Internet-Nutzung im Alter auf und geben Hinweise auf Massnahmen, die geeignet sind, die potenzielle „digitale Ausgrenzung“ älterer Menschen zu überwinden.

12:20

M. Doh; L. Schmidt; F. Herbolsheimer; M. Jokisch; J. Schoch1; H.-W. Wahl
Abteilung für psychologische Alternsforschung, Psychologisches Institut und Netzwerk Alternsforschung, 1 Institut für Gerontologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Heidelberg;

S18-08-02 

Förderliche und hinderliche Faktoren für den Umgang mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien im Alter

Die sogenannte Digitalisierung mit den Schlüsselmedien Computer und Internet hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen gesellschaftlichen Wandel angestoßen, mit weitreichenden Auswirkungen auf die Kommunikationsformen und den damit verbundenen öffentlichen und privaten Raum. Doch bleibt besonders für ältere Generationen der Zugang zu dieser digitalen Welt aufgrund von vielfältigen Barrieren auf Person-, Produkt- und Umweltebene erschwert. Gleichwohl wuchs in den letzten Jahren eine neue Generation technikerfahrener und -affiner älterer Menschen heran. Vor diesem Hintergrund legte 2013 das BMBF eine bundesweite Initiative der „Senioren-Technik-Botschafter“ auf, bei der technikerfahrene ältere Menschen als ehrenamtlich tätige Wissensvermittler moderner Technologien für technikunerfahrene ältere Menschen eingesetzt werden. Hierzu erhielten 18 Teilprojekte eine einjährige Förderung. Der Großteil dieser Projekte beinhaltete niedrigschwellige Bildungsangebote (quartiersnahe Kurse, Infotreffs, Hausbesuche) zu mobilen Endgeräten wie Laptops, Tablets oder Smartphones. Nach Ablauf dieser Anschubfinanzierung startete Ende 2014 das Forschungsprojekt FUTA seine wissenschaftliche Untersuchung zur Erfassung von „förderlichen und hinderlichen Faktoren im Umgang mit Informations- und Kommunikations-Technologien im Alter“. Hierbei wurden über einen Beobachtungszeitraum von sechs Monaten per Online-Befragung 135 Botschafter (Ø 68.0 Jahre, SD = 6.7) zu zwei Messzeitpunkten erfasst. Zusätzlich wurden mittels Fragebogen (Online-, Papierversion) 145 (Ø 68.4 Jahre, SD = 7.2) ältere Teilnehmer aus IKT-Kursen einbezogen sowie fünf Fokusgruppen mit insgesamt 25 Projektleitern, Botschaftern und Kursteilnehmern durchgeführt. Die Befunde unterstreichen die Problematik vielfältiger Umweltbarrieren, besonders in strukturschwachen, ländlichen Regionen. Zudem mangelt es weiterhin an nachhaltigen Bildungs- und technischen Unterstützungs- und Serviceangeboten. Gleichwohl erweisen sich zwei förderliche Faktoren als zentral: Zum einen eröffnen mobile Endgeräte - auch für bislang technikdistante Zielgruppen - neue Zugangswege zur digitalen Welt und die Möglichkeit, eigene mobile Geräte zu verwenden, was für den Lernprozess förderlich ist. Zum anderen profitieren besonders Personen mit niedriger Technikkompetenz und Selbstwirksamkeitserwartung von der Wissensvermittlung von altersähnlichen Kursleitern. Implikationen für Bildungs- und Unterstützungsangebote werden diskutiert.

12:40

L. Schmidt; H.-W. Wahl; H. Plischke1 Abteilung für psychologische Alternsforschung, Psychologisches Institut und Netzwerk Alternsforschung, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Heidelberg; 1 Department of Applied Sciences and Mechatronics, Hochschule für angewandte Wissenschaften München, München;

S18-08-03 

Technikhandhabung im Alter: Die Rolle von kognitiver Leistungsfähigkeit, persönlichkeitsnahen Einstellungen und Überzeugungen

Eine der Herausforderungen eines hohen Lebensalters besteht darin, wichtige psychologische und physische Kompetenzen aufrechtzuerhalten, und damit auch in dieser Lebensphase Lebensqualität und Wohlbefinden aufrechtzuerhalten. Damit verknüpfte Ziele wie ein möglichst unabhängiges und selbstständiges Leben oder die Gestaltung sozialer Beziehungen können durch technische Geräte und Systeme unterstützt werden. Die vorliegende Studie untersucht die Technikhandhabung älterer Probanden (N=80, M=73 Jahre, SD=5.3 Jahre, 50% Frauen) anhand von Aufgaben mit einem Blutdruckmessgerät, einem Handy und einem E-Book Reader. 39 der Probanden hatten eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) und 41 waren kognitiv unbeeinträchtigt; die Gruppen unterschieden sich nicht in ihrem Alter, dem Bildungsstand und dem Geschlechterverhältnis. In einem mixed methods Design wurden etablierte kognitive Testverfahren und Fragebögen mit einer standardisierten Erfassung der Performanz über die Bearbeitungszeit und die Fehlerzahl kombiniert (Videoanalyse der Fehler: Interrater agreement=94%). Insgesamt zeigten die kognitiv gesunde Untersuchungsgruppe eine signifikant bessere Leistung hinsichtlich Effizienz und Fehlerzahl im Vergleich zur MCI-Gruppe. Größere Differenzen ergaben sich für komplexere Geräte und Aufgaben, bei denen durch eine größere Anzahl hierarchischer Ebenen navigiert werden musste (Interaktionseffekt von Untersuchungsgruppe und Gerät). Regressionsanalytisch konnten sowohl kognitive Indikatoren (z.B. Exekutivfunktionen) als auch das Ausmaß der Selbstwirksamkeit die Technikperformanz erklären. Obsoleszenzerleben, ein persönlichkeitsnahes Einstellungsmaß, das ein Gefühl von Rückständigkeit und Entfremdung aufgrund der Dynamik des gesellschaftlichen Wandels umfasst, mediierte den Effekt der kognitiven Beeinträchtigung auf die Performanz. Die Ergebnisse unterstreichen, dass sowohl kognitive Fähigkeiten als auch subjektive Überzeugungen und Einstellungen zur Erklärung interindividueller Unterschiede in der Technikhandhabung beitragen. Selbstwirksamkeit und Obsoleszenz können als mögliche Ansatzpunkte für Interventionen diskutiert werden, insbesondere hinsichtlich der vulnerablen Gruppe von Menschen mit MCI.

13:00

P. Held; S. N. Hetzner; E. Leen; A. Tenckhoff-Eckhardt
Institut für Lern-Innovation, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Fürth;

S18-08-04 

Mobile Learning für Senioren: Vergleichsstudie zu Tablet- und Laptopnutzung und Good Practice Ansätze

E-Learning oder Blended Learning Kurse sind eine gute Alternative zu Frontalunterricht um Senioren mit IKT Aspekten vertraut zu machen; dies zeigten bereits verschiedene Studien und Projekt des Instituts für Lern-Innovation. Bisher wurden die IKT Kompetenzen jedoch immer an normalen PCs trainiert. Die Fragestellung der Vergleichsstudie MobiSen war daher, ob Tablet-PCs Vorteile oder Nachteile gegenüber Laptops haben, wenn IKT Anfänger Basisfunktionen wie E-Mailnutzung, Internettelefonie oder das Aufrufen von Internetinhalten zum Erlernen. Dazu wurden zwei Gruppen mit jeweils 18 Senioren (Durchschnittsalter 71,5 Jahre) gebildet, die keine oder nur geringe IKT Kenntnisse hatten. Pro Gruppe fanden innerhalb von vier Wochen vier Kurseinheiten mit Trainern vor Ort statt, dies wurde mit eigenständigem E-Learning Zuhause am selben Gerät ergänzt. Eine Gruppe erhielt Tablets-PCs und die andere Gruppe Laptops. Am Ende der Kurse fühlten sich alle Nutzer größtenteils sicher im Umgang mit Tablet-PCs oder Laptop. Die Tabletgruppe brauchte jedoch weniger Übung um dasselbe Lernniveau zu erreichen und fühlte sich auch schneller sicher im Umgang als die Laptopgruppe. Unterschiede bezüglich der Nachhaltigkeit des Lernerfolgs und des Lernvergnügens wurden keine gefunden. Für den Einstieg sind beide Geräte geeignet, wenn auch die Nutzung eines Tablet-PCs einen schnelleren Erfolg verspricht. Besonders für Nutzer ohne Vorkenntnisse war die Handhabung der Tablets intuitiver als die Handhabung der Laptops mit Tastatur und Maus. In weiteren Interviews und Studien wurden außerdem Handlungsempfehlungen generiert, die für Seniorenteilnehmer mit beiden Gerätetypen und sowohl für den blended als auch den reinen E-Learning Kontext gelten. Dies sind die Beachtung sozialer Aspekte, eine gute Kommunikation mit anderen Teilnehmern und Tutoren, individuelles Feedback, Wiederholungsmöglichkeiten, praktische Beispiele und Möglichkeiten des nachhaltigen Lernens.

Diskutanten: H.-W. Wahl, Heidelberg; M. Marquard, Ulm

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