Montag, 27.04.2015

14:00 - 15:30

Zeichenraum

S17-01

Versorgung älterer Menschen nutzerorientiert gestalten! Raum-, Nutzer- und Akteursperspektiven

Moderation: A. Nauerth, Bielefeld

Altern verläuft sozial und räumlich ungleich. Die Existenz regionaler Disparitäten hinsichtlich sozialer, gesundheitlicher und pflegerischer Bedarfslagen sowie verfügbarer Versorgungsangebote führt zu Diskussionen über lokale Versorgungserfordernisse und Lösungsansätze. Um eine bedarfs- und bedürfnisgerechte Versorgung vor Ort zu stärken, ist die Berücksichtigung der lokalen Gegebenheiten und der Perspektiven der Nutzer/innen und Versorgungsakteure unerlässlich. Ziel des Symposiums der Forschungskooperation „Nutzerorientierte Versorgung bei chronischer Krankheit und Pflegebedürftigkeit“ (NuV) von Fachhochschule und Universität Bielefeld ist es, die jeweiligen Perspektiven zu beleuchten und herauszustellen, wie sie miteinander zu verknüpfen sind.

Heterogene Räume und Bedarfslagen erfordern kleinräumige Analysen. Gleichwohl sind die Lebensorte älterer Menschen als Aneignungs- und Erfahrungsräume zu verstehen. Die Lebensbedingungen älterer Menschen zu erfassen und ihren Alltag zu verstehen, erfordert lebensweltorientierte Konzepte und partizipative Forschung. Vorgestellt werden sozialräumliche Analysemethoden mit älteren Menschen im städtischen Bereich aus dem Forschungsprojekt „Soziale Ressourcen für altersgerechte Quartiere“ (SORAQ) (Christian Bleck) und eine Forschungsarbeit der Forschungskooperation NuV, in der Stadtteilanalysen in unterschiedlichen sozialen Räumen und die Perspektiven älterer hilfe-/pflegebedürftiger Frauen zusammengeführt werden (Angela Nikelski). In Bezug auf die Frage nach Versorgungsverantwortung und -gestaltung wird unter dem Stichwort „kommunale Daseinsvorsorge“ aktuell die Rolle der Kommunen diskutiert. Wie sich die Versorgungsherausforderungen und Handlungsoptionen in ländlichen Räumen aus Akteurssicht darstellen, zeigen erste Ergebnisse eines Forschungsprojektes (Janina Kutzner). Neue Versorgungsmodelle werden besonders für ländliche Regionen gefordert. International haben mobile Einrichtungen zur Vermeidung von Unterversorgung Verbreitung gefunden. Welche Implementationsherausforderungen sich aus Nutzer- und Akteursperspektive ergeben, ist Thema des letzten Beitrags (Kerstin Hämel, Janina Kutzner, Jonas Vorderwülbecke). Unter der Moderation von Annette Nauerth bietet das Symposium die Möglichkeit Implikationen für Praxis, Politik und Forschung zu diskutieren.

14:00

C. Bleck
Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Fachhochschule Düsseldorf, Düsseldorf;

S17-01-01 

Sozialräumliche Analysemethoden mit Älteren im städtischen Raum: Methodologische Verortungen, forschungspraktische Erfahrungen und nutzerorientierte Ergebnisperspektiven

Das Forschungsprojekt ‚Soziale Ressourcen für altersgerechte Quartiere (SORAQ)‘ untersuchte in den Jahren 2011 bis 2014 in sechs ausgewählten Düsseldorfer Stadtteilen, welche sozialen Ressourcen (z.B. Kontaktmöglichkeiten) sowie infrastrukturellen Angebote und Voraussetzungen (z.B. Einkaufsmöglichkeiten und räumlich-bauliche Strukturen) für ältere Menschen in ihrem Wohnumfeld von besonderer Bedeutung sind. Dazu wurden Expert_innen-Interviews (mit Fachkräften der offenen Seniorenarbeit, Schlüsselpersonen aus Kirchengemeinden, Vereinen etc.) sowie standardisierte Befragungen und sozialräumliche Analyse- und Beteiligungsmethoden mit älteren Bürger_innen durchgeführt. Gefördert wurde das Projekt durch die BMBF-Förderlinie ‚Soziale Innovationen für Lebensqualität im Alter – SILQUA‘.

In Fokus des Vortrags stehen die qualitativ und partizipativ orientierten sozialräumlichen Methoden, die innerhalb von SORAQ – eingebunden in so genannte ‚Sozialräumliche Workshop-Reihen‘ – angewendet wurden. Mit diesen Methoden haben wir an Zugänge der Sozialraumorientierung und -forschung angeschlossen, die „Sozialräume als ‚Lebenswelten‘“ verstehen (vgl. verschiedene raumanalytische Ansätze z.B. bei Riege & Schubert 2005) und uns insbesondere auf Deinet und Krisch bezogen, welche zahlreiche Methoden der Sozialraum- und Lebensweltanalyse für das Praxisfeld der Kinder- und Jugendarbeit dokumentiert haben (z.B. Deinet 2009, Krisch 2009). Diese haben wir für die Arbeit mit Älteren adaptiert und erprobt (hier die Methoden ‚Nadelmethode‘ ‚Stadtteilbegehung‘ und ‚Subjektive Landkarte‘) sowie durch neue methodische Instrumente (‚Individuelle Infrastrukturtabelle‘ und ‚Strukturierte Sozialraumtagebücher‘) erweitert. Im Rahmen des Symposiums werden die von uns (weiter)entwickelten sozialräumlichen Analyse- und Beteiligungsmethoden vorgestellt, methodologisch reflektiert sowie zentrale Erfahrungen und Ergebnisse aus ihrer Anwendung mit Älteren in Düsseldorfer Stadtteilen erörtert.

14:20

A. Nikelski; A. Nauerth1
Institut für Bildungs- und Versorgungsforschung im Gesundheitsbereich (InBVG), 1 Lehreinheit Pflege und Gesundheit, Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit, Fachhochschule Bielefeld, Bielefeld;

S17-01-02 

Von Lebensorten zu Lebenswelten alleinlebender hilfe- und pflegebedürftiger Frauen

Das Wohnumfeld gewinnt für Menschen mit zunehmendem Alter an Bedeutung und beeinflusst entscheidend ihre Lebensqualität. Die Bedingungen des Wohnumfeldes sind zentrale Ressourcen für den „Erhalt einer selbstständigen und selbstbestimmten Lebensführung und der gesellschaftlichen Teilhabe bis ins hohe Lebensalter“ (Mahne et al. 2010: 142). Insbesondere im Fall von Hilfe- und Pflegebedürftigkeit wächst die Bedeutung bedarfs- und bedürfnisgerechter räumlicher und sozialer Infrastrukturen und wohnortnaher Unterstützungs- und Versorgungsangebote. Der mehrheitliche Wunsch, möglichst lange im gewohnten Umfeld zu leben, und die Tatsache, dass 1,76 Mio. pflegebedürftige Menschen in ihrer häuslichen Umgebung versorgt werden (vgl. Statistisches Bundesamt 2013), untermauern die Notwendigkeit, sich auch auf wissenschaftlicher Ebene mit diesen Umgebungen auseinanderzusetzen. Dabei ist die Wohnumgebung nicht nur als formaler Lebensort zu betrachten, sondern als Lebenswelt der Menschen in den Blick zu nehmen. Im Rahmen dessen sind Bedarfs- und Strukturanalysen auf Stadtteil- oder Quartiersebene ebenso zentral wie die Einbindung der Perspektiven der Bewohner_innen und Akteure. Erst die kombinierte Betrachtung objektiver Bedarfe und Handlungsmöglichkeiten und subjektiver Bedürfnisse und wahrgenommener Optionen führt zu einem vollständigen Bild, um Empfehlungen für eine zielgruppenspezifische Lebensraum- und nutzerorientierte Versorgungsgestaltung geben zu können. Die Versorgung stärker an den Bedürfnissen der Nutzer_innen auszurichten, ist ein Ziel der Forschungskooperation NuV „Nutzerorientierte Versorgung bei chronischer Krankheit und Pflegebedürftigkeit“. Das im Vortrag vertretene Teilprojekt beschäftigt sich explizit mit den Lebens- und Versorgungssituationen älterer alleinlebender hilfe-/pflegebedürftiger Frauen im städtischen Raum. Vorgestellt werden erste Forschungsergebnisse, die auf Grundlage differenzierter Stadtteilanalysen und qualitativer Interviews Einblicke in die Lebenswelten der älteren Damen geben.

14:40

J. Kutzner
Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld, Bielefeld;

S17-01-03 

Versorgungsherausforderungen und Handlungsoptionen in ländlichen Regionen aus Akteurssicht

Gesellschaftliche Entwicklungen wie der demografischen Wandel und der steigende Pflegebedarf erfordern eine intensive Auseinandersetzung mit der Versorgungsverantwortung und -gestaltung. Die Zahl alter und pflegebedürftiger Menschen steigt zunehmend und wird sich Prognosen zufolge regional unterschiedlich darstellen und vor allem ländliche Regionen treffen. Die Angebote und Strukturen pflegerischer Versorgung, die in den Kommunen zu Verfügung stehen, variieren dabei zum Teil erheblich und haben großen Einfluss auf das Altern in der Region. Auch das Altern selbst und die Bedürfnisse der Menschen ändern sich. Diese Entwicklungen führen vor Augen, dass es vor allem in ländlichen Regionen einer Neuausrichtung pflegerischer Versorgung bedarf, um diese auch in Zukunft vor Ort sicherzustellen. Der regional unterschiedlichen pflegerischen Infrastruktur und den Herausforderungen der pflegerischen Versorgung in ländlichen Regionen ist daher vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken. Vor diesem Hintergrund wird aktuell zunehmend die Stärkung der Rolle der Kommunen in Bereich der pflegerischen Versorgung diskutiert, da sie eine zentrale Rolle bei der Neuausrichtung pflegerischer Versorgung spielen können.
 
Der Vortrag beschäftigt sich mit der Gestaltung pflegerischer Versorgung in ländlichen Regionen und fokussiert dabei Versorgungsherausforderungen aus der Sicht regionaler AkteurInnen sowie mögliche Handlungsoptionen. Grundlage dafür bilden ExpertInneninterviews mit unterschiedlichen AkteurInnen der pflegerischen Versorgung in ländlichen Regionen, die im Rahmen eines Teilprojekts der Forschungskooperation „Nutzerorientierte Versorgung bei chronischer Krankheit und Pflegebedürftigkeit“ (NuV) geführt wurden. Erste Eindrücke aus den Interviews zu den Perspektiven der Akteure auf die pflegerische Versorgung vor Ort sowie zur Rolle der Kommunen werden dargestellt und diskutiert.

15:00

K. Hämel; J. Kutzner; J. Vorderwülbecke
Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld, Bielefeld;

S17-01-04 

Mobil, flexibel, nutzerorientiert!? Konzepte und Implementationsherausforderungen mobiler Versorgungseinrichtungen für die ländliche Bevölkerung

Hintergrund: Die Sicherstellung einer wohnortnahen gesundheitlichen Versorgung stellt in ländlichen Regionen Deutschlands eine zunehmende Herausforderung dar. Gefordert sind Konzepte und Modelle, die gezielt darauf reagieren und besonders den steigenden Bedarf an Versorgungsleistungen für ältere und alte Menschen adressieren. Bislang in Deutschland noch wenig beachtet, aber international schon seit vielen Jahrzehnten verbreitet, ist der Einsatz mobiler Versorgungseinrichtungen. Welche Konzepte hier entwickelt sind und vor welche Implementationsherausforderungen mobile Einrichtungen gestellt sind, ist Thema des Beitrags. Methode: Der Beitrag basiert auf einer Literatur- und Dokumentenrecherche und -auswertung. Recherchiert wurde in den Datenbanken PubMed und MobileHealthMap.org.
Ergebnisse: Mobile Versorgungseinrichtungen zielen auf die Vermeidung regionaler Unterversorgung und hier insbesondere die Versorgung vulnerabler Bevölkerungsgruppen ab. In der Literatur werden überwiegend Einrichtungen beschrieben, die spezifische Gesundheitsrisiken adressieren, wobei Screenings, Impfprogrammen und spezialisierten Versorgungsleistungen (z.B. Diabetes, Zahnheilkunde) eine hohe Aufmerksamkeit zukommt. Ebenfalls sind Einrichtungen etabliert, die eine umfassende, teils multiprofessionelle wohnortnahe Basisversorgung für chronisch kranke und ältere Menschen anbieten. Die Implementation mobiler Einrichtungen ist anspruchsvoll; zentrale Herausforderungen sind die Ausrichtung des Leistungsspektrums am Bedarf der regionalen Bevölkerung, ein nutzerfreundlicher/orientierter Zugang und die Förderung der Bekanntheit und Akzeptanz des Angebots sowie die Einbindung in bestehende Versorgungsstrukturen zur Sicherstellung einer koordinierten Gesundheitsversorgung. Um diese Anforderungen realisieren zu können, sind eine gemeindeorientierte Arbeitsweise und die Beteiligung der NutzerInnen und Akteure vor Ort bei der Programmentwicklung und -implementierung essentielle Grundlage.
Schlussfolgerungen: Mobile Versorgungseinrichtungen könnten auch für die Versorgung älterer und alter Menschen in ländlichen Regionen Deutschlands ein interessantes Modell darstellen. Internationale Erfahrungen stellen einen wichtigen Ausgangspunkt dar und sollten bei der Konzeptentwicklung berücksichtigt werden.

Zurück