Freitag, 18.09.2015

14:15 - 15:45

B004

S18-02

Urbanes Altern und Mobilität im Zeichen des Klimawandels – Beiträge aus interdisziplinären Forschungsprojekten

Moderation: F. Oswald, Frankfurt a. M.

Herausforderungen des demographischen Wandels treffen schon heute aber noch verstärkt in absehbarer Zukunft auf Herausforderungen der Urbanisierung und des Klimawandels. So werden immer mehr ältere Menschen besonders in urbanen Räumen mit Auswirkungen der Klimaveränderungen konfrontiert. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass neben sozioökonomisch und sozial-räumlich benachteiligten Personen gerade ältere Menschen besonders vulnerabel hinsichtlich gesundheitlicher und sozialer Auswirkungen des Klimawandels sind. Auch die alltägliche Mobilität älterer Menschen als wesentliche Voraussetzung zur Aufrechterhaltung von Selbstständigkeit und sozialer Teilhabe ist bei zu erwartenden Häufungen extremer Wetterverhältnisse (Hitze) gefährdet. Aktivität beeinflusst aber Gesundheit, Wohlbefinden und Selbständigkeit positiv. Neben bio-psychischen Voraussetzungen bedingen Nachbarschaft, gebaute Umwelt, Erreichbarkeit von Dienstleistern und klimatische Bedingungen, ob ältere Menschen im Alltag aktiv und mobil sind und bleiben können. Daher ist es von besonderem Interesse, Ursachen und Wirkungen von Mobilität und Aktivität im Angesicht von zu erwartenden Klimaveränderungen zu kennen und systematisch zu untersuchen. Vor diesem Hintergrund werden im Symposium ausgewählte Forschungsergebnisse zur Mobilität älterer Menschen im urbanen Raum und klimatischen Veränderungen aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven und Projekten vorgestellt: Reyer et al. zeigen aus bewegungswissenschaftlicher Disziplin auf, wie sich das Gehverhalten Älterer in Quartieren unterschiedlicher Walkability differenzieren lässt. Penger et al. fokussieren aus psychologischer Sicht das Erleben von und Einstellungen zu Mobilität und Klima Älterer mittels eines standardisierten Verfahrens zur Erfassung mobilitätsbezogener Handlungsflexibilität und Klimaerleben. Conrad et al. betrachten aus Perspektive der Stadt- und Verkehrsplanung die Stadt Stuttgart hinsichtlich klimatischer und räumlicher Vulnerabilität und stellen diese Ergebnisse dem Mobilitätsverhalten älterer Menschen gegenüber. Wanka et al. untersuchen die Auswirkungen von Hitze auf das außerhäusliche Verhalten von älteren Menschen in Wien aus soziologischer Perspektive mit Fokus auf soziale und räumliche Ungleichheiten. Wolfgang Schlicht wird die verschiedenen Beiträge zu Mobilität und Aktivität Älterer im urbanen Raum unter Berücksichtigung klimatischer Herausforderungen vor allem aus einer bewegungswissenschaftlichen Sicht diskutieren.

14:15

K. Conrad; D. Wittowsky
Forschungsgruppe Alltagsmobilität und Verkehrssysteme, ILS-Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, Dortmund;

S18-02-01 

Alltagsmobilität älterer Menschen in Stuttgart – Analyse klimatischer Bedingungen und urbaner Infrastrukturen

Die Stadt- und Verkehrsplanung steht vor großen Herausforderungen, wenn sie die alltägliche Mobilität und Lebensqualität älterer Menschen in den Kommunen erhalten und verbessern will. Denn neben einem wachsenden Anteil an älteren Menschen und einer älter werdenden Bevölkerung, von der immer mehr Menschen in Städten leben werden, wird auch eine stetige Veränderung klimatischer Bedingungen prognostiziert. Da das Wohnumfeld mit steigendem Alter aufgrund eines sich verkleinernden Aktionsradius und einer Verringerung der körperlichen Bewegung zukünftig noch mehr an Bedeutung gewinnen wird, bedarf es kleinräumiger Anpassungen städtischer Räume an diese Trends. Handlungsbedarf besteht vor allem dann, wenn vulnerable Umwelt- und Raumbedingungen konzentriert auftreten, wie bspw. ein Quartier in einer ungünstigen thermischen Belastungszone mit mangelnder Nahversorgung und unzureichenden Gesundheitseinrichtungen. Inwiefern klimatische und räumliche Voraussetzungen wiederum das Mobilitätsverhalten älterer Menschen beeinflussen, ist weitgehend unerforscht. Diesem Forschungsbedarf wird im Rahmen des Projektes „Die altersfreundliche Stadt – Autonomie und nachhaltige Mobilität im Zeichen des Klimawandels (autonomMOBIL)“ nachgegangen. In einer ersten Analyse der Raumstruktur und des Verkehrssystems der Stadt Stuttgart, die aufgrund ihrer Talkessellage schon heute in bestimmten Räumen von klimatischen Belastungen geprägt ist, wird gezeigt, in welchen Stadtteilen ungünstige klimatische Bedingungen für ältere Menschen vorherrschen und zudem auch noch Defizite in der Erreichbarkeit urbaner Infrastrukturen (wie bspw. fehlende Einrichtungen der Daseinsvorsorge) bestehen. Diese räumlich-objektiven Ergebnisse werden dann dem individuell, realisierten Mobilitätsverhalten älterer Menschen, basierend auf einer Haushaltsbefragung zum Verkehrsverhalten der Stuttgarter Bevölkerung, gegenübergestellt und diskutiert. Dabei stehen Mobilitätskennziffern wie bspw. der Modal-Split, das Verkehrsaufkommen, die Mobilitätszeit sowie die Zielwahl im Mittelpunkt der Betrachtung. Abschließend wird ein Ausblick auf das weitere methodische Vorgehen im Rahmen des Projektes autonomMOBIL gegeben.

14:35

S. Penger; F. Oswald
Frankfurter Forum für interdisziplinäre Alternsforschung, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt Main, Frankfurt a. M.;

S18-02-02 

Alltägliche Mobilität Älterer im urbanen Raum unter Berücksichtigung von Klimaerleben und Handlungsflexibilität

Die Aufrechterhaltung alltäglicher außerhäuslicher Mobilität ist bis ins sehr hohe Alter bedeutsam für Selbständigkeit und Wohlbefinden. Dies gilt auch und gerade angesichts von Klimaveränderungen im urbanen Kontext. Ausgehend von der Fragestellung, welche Einflussgrößen in Zusammenhang mit der außerhäuslichen Alltagsmobilität älterer Menschen im urbanen Raum stehen, haben sich einerseits die Handlungsflexibilität unter besonderer Berücksichtigung der Mobilität und andererseits das subjektive Klimaerleben als relevante und bislang wenig erforschte Konstrukte in der Psychologie herausgestellt. Im Rahmen der Juniorforschungsgruppe autonomMOBIL fokussiert diese Arbeit daher insbesondere das Erleben und Verhalten der älteren Person mit ihren biographisch gewachsenen Bedürfnissen, Einstellungen sowie persönlichen Handlungspräferenzen zur Erhaltung der außerhäuslichen Alltagsmobilität. Ein erstes Ziel der Arbeit besteht in der Entwicklung eines standardisierten Messinstruments zur Erfassung des Klimaerlebens und der mobilitätsbezogenen Handlungsflexibilität. Hierfür wurde eine domänenspezifische Anpassung des Fragebogens TEN-FLEX (Brandtstädter & Renner, 1990) vorgenommen und für die Erfassung des subjektiven Klimaerlebens der Fragebogen des Projekts STOPHOT (Wanka et al., 2014) über den Aspekt der Hitze hinaus an weitere Klimamodalitäten angepasst. Die generierten Items wurden in einer ersten Pilotstudie an einer Stichprobe von N = 326 Personen unterschiedlichen Alters getestet. Der Fragebogen wurde mittels faktorenanalytischer Verfahren analysiert und auf psychometrische Gütekriterien hin untersucht. Erste ausgewählte Ergebnisse werden präsentiert. Der Fragebogen wird im Laufe des Projekts in einer standardisierten quantitativen Befragung älterer Personen in ausgewählten Quartieren Stuttgarts angewendet, um Einflüsse dieser Konstrukte sowie weiterer individueller Hintergrundvariablen und Umweltmerkmale auf die außerhäusliche Mobilität, die Selbstständigkeit und das Wohlbefinden privatwohnender Älterer zu untersuchen. Diese Arbeit leistet einen Beitrag dazu, relevante psychologische Aspekte außerhäuslicher Alltagsmobilität älterer Menschen standardisiert und individuell zu erfassen, um deren Einfluss auf beispielsweise die Nutzung und Akzeptanz von Stadtplanungsmaßnahmen besser zu verstehen.

14:55

A. Wanka; F. Kolland; B. Allex1; A. Arnberger1; R. Eder1; H.-P. Hutter2; P. Wallner2; B. Blättner3; H. A. Grewe3 Institut für Soziologie, Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften, Universität Wien, 1 Institut für Landschaftsentwicklung, Erholungs- und Naturschutzplanung, Universität für Bodenkultur Wien, 2 Institut für Umwelthygiene, Zentrum für Public Health, Medizinische Universität Wien, Wien/A; 3 Fachbereich Pflege & Gesundheit, Hochschule Fulda, Fulda;

S18-02-03 

Cool Towns for the Elderly – Altersgerechte Städte im (Klima-)Wandel

Aus der Alterung der städtischen Bevölkerung ergeben sich neue Herausforderungen für die Stadtplanung und das Management urbaner Versorgungsstrukturen, die sich im Diskurs über alter(n)sgerechte Städte niederschlagen. Der Klimawandel spielt darin noch eine untergeordnete Rolle. Dabei liefert die Alternsforschung liefert durchaus Modelle zum Zusammenhang von Umwelt und Kompetenz, die mit klimatischen Bedingungen erweiterbar sind. Im Vortrag gehen wir daher der Frage nach, i) wie altersgerechte Städte in Zeiten des Klimawandels gestaltet werden können und ii) welche Gefährdungspotentiale im Klimawandel durch Intersektionalitäten sozial-struktureller und sozial-räumlicher Benachteiligung entstehen. Dazu werden Daten des interdisziplinären (Soziologie, Medizin, Raumplanung) Projekts STOPHOT (2011-2014) vorgestellt. Ausgangspunkt des Projekts ist die Gefährdung älterer Menschen in urbanen Lebensräumen durch die Zunahme der Durchschnitts-Temperaturen. Dichte Verbauung und Mangel an Grün- und Freiflächen produzieren einen „Hitzeinsel-Effekt“, der thermischen Stress für die urbane Bevölkerung auslösen kann. Die Hitzewelle 2003 forderte europaweit etwa 70.000 Todesopfer, besonders in Großstädten und unter älteren Menschen. Das Projekt STOPHOT untersuchte die Belastungen älterer StadtbewohnerInnen durch Hitze, Coping-Strategien bei Hitze sowie städtebauliche, wohnpolitische und sozialstrukturelle Aspekte von hitzebedingtem Stress am Beispiel der Stadt Wien. Das methodische Forschungsdesign folgte einem Mixed-Methods-Ansatz, in dem zwei quantitative Primärerhebungen mit (n=1.100) und problemzentrierte Stakeholder-Interviews trianguliert wurden. Zentrale Ergebnisse zeigen, dass Hitzestress ein ernsthaftes Problem ist - 16% der befragten Personen über 65 Jahre können als „Risikogruppe“ klassifiziert werden -, das allerdings noch von wenigen Stakeholdern erkannt und auf das daher noch kaum reagiert wird. Individuelle Coping-Strategien sind jedoch unzureichend, da sie durch zahlreiche, intersektionale Ungleichheiten beschränkt werden. Sozial-strukturell, sozial-räumlich und gesundheitlich benachteiligte Ältere und Personen, die besonders unter Hitzestress leiden, ziehen sich bei Hitze vermehrt aus dem öffentlichen Raum zurück. Dieses Verhalten bedroht letztlich die Lebensqualität im Alter, da mit diesem Rückzug soziale Kontakte, körperliche Aktivität und außerhäusliche Partizipationsmöglichkeiten eingeschränkt werden.

15:15

M. Reyer; S. Fina1
SRI Human Factors in Ageing, Technology, and Environment, Lehrstuhl Sport- und Gesundheitswissenschaften I, 1 Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung, Universität Stuttgart, Stuttgart;

S18-02-04 

Walkability in Stuttgart – Unterscheiden sich Ältere aus unterschiedlichen Stadtgebieten in ihrem alltäglichen Gehverhalten?

Hintergrund Forschung der vergangenen zehn Jahre zeigt, dass neben motivationalen und volitionalen Prozessen auch die gebaute Umwelt den Umfang körperlicher Aktivität beeinflusst. Aktivitäts-volumina sind mit der Bewegungsfreundlichkeit des direkten Wohnumfelds, assoziiert. Die Aussagen basieren auf US-amerikanischen oder australischen Studien, mit den dort typischen Stadtstrukturen. Ob sich die Befunde für Städte in Deutschland replizieren lassen, ist ebenso die Frage, wie die, ob sich für ältere Probanden stärkere Assoziationen finden lassen. Ältere sind umweltabhängiger als junge Menschen, eine Erkenntnis, die in der Umwelt-Gerontologie belegt ist. Methode Auf Basis von Geoinformationsdaten der Stadt Stuttgart wurden auf Baublockebene der Walkability-Index und der Walk Score® berechnet. Beide verweisen auf eine gute bis sehr gute walkability im Stadtzentrum und auf eine moderate walkability in den städtischen Randbezirken. Die Berechnungen dienten anschließend als Basis für eine Akzelerometer- und Wegetagebuch-Studie mit einer Stichprobe von jungen Alten (55 bis 75 Jahre) aus beiden Stadtbereichen. Die Probanden trugen über den Zeitraum von einer Woche einen Akzelerometer zur Erfassung ihrer körperlichen Aktivität. Sie füllten parallel ein Wegetagebuch aus, in das sie Wegstrecken, Verkehrsmittel und Zweck der Wege notierten. Ergebnisse Erste Analysen deuten an, dass das Alltagsverhalten (z.B. Wege für Erledigungen) mit den baulichen Gegebenheiten des Wohnumfelds assoziiert ist. Ältere, die in dichter besiedelten Wohngegenden mit einem hohen Flächennutzungs-Mix leben und in denen das Straßen- und Wegenetz viele Kreuzungen aufweist, sind alltagsaktiver (Transport) als jene, die in Stadtrandlagen leben. Dagegen gehen Personen aus Stadtrandlagen häufiger spazieren. Die Gesamtvolumina körperlicher Aktivität scheinen jedoch nicht mit walkability assoziiert zu sein. Fazit Die internationalen Befunde zur Assoziation von Walkability und Alltagsaktivität lassen sich überwiegend auch für Ältere in Stuttgart replizieren, z.B. für den aktiven Transport zu Fuß. Dies ist ein wichtiger Hinweis, den es zu beachten gilt, wenn wir künftig unsere Städte gestalten. Dass die Gesamtvolumina körperlicher Aktivität unabhängig von walkability zu sein scheinen, zeigt aber auch, dass Ältere eigeninitiativ aktiv sind und aktiv dazu beitragen, dass ihre Autonomie und Selbständigkeit im Alter erhalten bleibt.

Diskutant: W. Schlicht, Stuttgart

Zurück