Donnerstag, 17.09.2015

16:00 - 17:30

C211

S17-06

Session Altern im privaten Raum

Moderation: B. Wolter, Berlin

16:00

T. Birken; H. Pelizäus-Hoffmeister; P. Schweiger
Fakultät für Staats- und Sozialwissenschaften, Universität der Bundeswehr München, Neubiberg;

S17-06-01 

Häusliche Lebensführung im Alter – zur Gestaltbarkeit einer soziomaterialen Praxis

Alltägliche Lebensführung wird traditionell primär als Handlungsmodus und Leistung der Person beschrieben, während ihre konkreten Orte – das Habitat, in dem sich Alltag vollzieht – eher unterbelichtet bleiben. Im Rahmen unseres Beitrags entwerfen wir im Gegensatz dazu am Beispiel der häuslichen Lebensführung Älterer eine konzeptionelle Perspektive, die explizit auf die Interdependenzen der Praxis der Lebensführung und ihren vielfältigen materialen Bezügen fokussiert. Die stoffliche Beschaffenheit und Ausgestaltung des Wohnraums erscheinen vor diesem Hintergrund nicht mehr als periphere Randbedingungen, sondern als zentrale Determinanten der im Alltag realisierbaren Handlungsspielräume und damit als zentrale Stellschrauben zur Verbesserung der Lebensqualität. In forschungsmethodischer Hinsicht wird dieser Zusammenhang allerdings erst fassbar, wenn man sich dem Gegenstand der häuslichen Lebensführung nicht allein auf der Basis ihrer verbalen Repräsentation nähert, sondern auch auf der Ebene seiner unmittelbaren Praxis. Im Rahmen laufender Forschungsarbeiten zu Anwendungsfeldern für Technik im Alltag Älterer haben wir entsprechend eine Forschungsstrategie entwickelt, die leitfadengestützte Interviews mit ethnografisch orientierten Methoden der teilnehmenden Beobachtung kombiniert und es auf diese Weise erlaubt, der Soziomaterialität der alltäglichen Lebensführung ganz unmittelbar „zu Leibe zu rücken“. Im Zuge unserer Erhebungen zeigte sich, dass die materiale Wohnumgebung der von uns besuchten Älteren auf den ersten Blick oft wie historisch „eingefroren“ wirkt, was als Beleg für deren generelle „Innovationsresistenz“ in Hinblick auf die Anpassung der Wohnumgebung an veränderte Anforderungen im Alter verstanden werden könnte. Bei genauerem Hinsehen wurde dagegen deutlich, dass die untersuchten Älteren ihr materiales Lebensumfeld oft in sehr kreativer – wenn auch mehr oder weniger „unsichtbarer“ – Art und Weise an sich verändernde Bedürfnisse und Lebensbedingungen anpassen. Der Horizont dieser Veränderungen scheint jedoch spezifische Grenzen aufzuweisen, die an biographischen Prägungen, spezifischen Kosten-Nutzen-Rechnungen und individuelle (Nicht-)Wissensbestände gekoppelt sind. Die typologisierende Rekonstruktion dieser Grenzverläufe erscheint uns als notwendige Voraussetzung für deren Verschiebung in Richtung einer systematischeren Erschließung der Potenziale einer aktiven Wohnumfeldgestaltung und die damit verbundene Erhöhung der Lebensqualität im Alter.

16:25

T. A. Müller; K. Ninnemann1
Akademie für Hochschullehre, 1 School of Engineering und Architecture, SRH-Hochschule Heidelberg, Heidelberg;

S17-06-02 

Zur Interdependenz von Mensch und Raum - Perspektiven zur Raumgestaltungspraxis bei der Pflege von Demenzpatienten im häuslichen Umfeld

Mit der Gestaltung und Ordnung von Räumen werden soziale Handlungsprozesse in die gebaute Umwelt eingeschrieben und verankert. Durch eine Demenzerkrankung können aufgrund der eingeschränkten kognitiven Leistungsfähigkeiten u.a. gelernte Raummuster und -symboliken nicht mehr erkannt und entsprechend gehandhabt werden. Die kognitiven Beeinträchtigungen werden gewöhnlich von Veränderungen der emotionalen Kontrolle und des Sozialverhaltens begleitet, welches die Bewältigung des Alltags nicht nur mit der menschlichen sondern wiederum auch der räumlichen Umwelt erschwert. Durch die Wirkung von Farben, Licht, Materialien und Formen haben architektonische Räume aber einen direkten Einfluss auf kognitive und emotionale Aspekte sowie auf die Modulation sozialer Prozesse. Mit der Analyse von Wahrnehmungs- und Verhaltensmerkmalen bei Demenzerkrankungen sollen Erkenntnisse zur Raumwirkung identifiziert und Maßnahmen bei der Raumkonstitution abgeleitet werden. Die theoretische Reflexion zur gegenseitigen Beeinflussung von Mensch und Raum wird mit aktuellen, empirischen Forschungsergebnissen aus dem Kontext institutioneller Pflege inhaltlich zusammengeführt. Durch eine Kategorisierung sollen Handlungsempfehlungen zur Raumgestaltung bei der Pflege von Demenzpatienten im häuslichen Umfeld generiert werden, um die Bewältigung des Alltags der verschiedenen Betroffenengruppen zu erleichtern.

16:50

E. C. Dosch
IfG, Universität Vechta, Vechta;

S17-06-03 

Bewältigungsstrategien berufstätiger Männer in der häuslichen Pflege

Häusliche Pflege- und Sorgearbeit für ältere pflegebedürftige Menschen wird zum größten Teil, d.h. zu ca. zwei Dritteln, von Frauen geleistet. Auch wenn Männer in den letzten Jahren zunehmend häusliche Pflegeverantwortung übernehmen, bewegen sie sich weiterhin in einem weiblich geprägten Bereich, der für sie eher untypisch ist. Bisher ist das Thema Pflege und männliche Identität trotz seiner Brisanz ein immer noch rudimentär bearbeitetes Forschungsfeld. Anhand einer qualitativen Befragung von 30 pflegenden Männern im erwerbsfähigen Alter zwischen 32 und 64 Jahren wird der Frage nachgegangen, wie Männer ihre Pflegeaufgaben in einer weiblich konnotierten Pflegewelt erleben und mit welchen Bewältigungsstrategien sie versuchen, ihre (männliche) Identität zu wahren. Die vorliegenden Forschungsbefunde indizieren, dass pflegende Männer unterschiedliche Strategien zur Bewältigung der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf und damit zur Aufrechterhaltung ihrer Identität wählen. Die Spannbreite variiert von der Erhaltung der bisherigen Lebensgestaltung und Wahrung der Distanz zur Pflegesituation bis hin zum Altruismus und einer kompletten Veränderung der beruflichen und privaten Sphäre. Die Gestaltungsspielräume in den Pflegearrangements divergieren erheblich und stehen u.a. auch in engem Zusammenhang mit bestehenden Werten und Normen. Ebenso ist das (gemeinsame) Wohnumfeld bzw. der Wohnraum, d.h. die gemeinsame Haushaltsführung mit dem Angehörigen im Hinblick auf die Identität von Relevanz.

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