Freitag, 18.09.2015

14:15 - 15:45

B002

S18-14

Sensorische Beeinträchtigungen im Alter

Moderation: A. Seifert, Zürich/CH

Sensorische Beeinträchtigungen haben mit steigendem Lebensalter zunehmende Prävalenz, gleichzeitig aber weitreichende Folgen für die Alltagsgestaltung und den Verlauf des Alternsprozesses. Mehr als zwei Drittel aller Menschen mit schweren Sehbeeinträchtigungen ist 60 Jahre oder älter und auch die Wahrscheinlichkeit für Erkrankungen des visuellen Systems (z. B. Katarakt, Makuladegeneration) steigt mit zunehmendem Alter. Die Prävalenz für Altersschwerhörigkeit liegt bei den 60- bis 69-Jährigen bei etwa 35% und bei den 70- bis 79-Jährigen sogar bei rund 60%. Das Symposium nimmt nun zum einen psychosoziale Auswirkungen von Seh- als auch Hörbeeinträchtigungen im Alter in den Blick. Seifert vergleicht die Lebenssituation sehbeeinträchtigter älterer Menschen mit Frühsehbehinderten. Müller beschreibt anhand von Survey-Daten den subjektiven Hörstatus, die Versorgungslage und die Auswirkungen einer Höreinbuße bei älteren Erwachsenen. Wettstein et al. untersuchen die moderierende Rolle von Seh- und Hörbeeinträchtigungen für den Zusammenhang zwischen kognitiver Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden im Alter. Zum anderen werden behandelt der Beitrag von Becker und Blaser auf der Grundlage von Experteninterviews die Praxis der Demenzdiagnostik bei sehbeeinträchtigen Menschen.
- Alexander Seifert (Universität Zürich): Lebenssituation sehbeeinträchtigter älterer Menschen im Vergleich zu Frühsehbehinderten
- Katharina Müller (LMU München): Subjektive Hörverluste
- Markus Wettstein, Hans-Werner Wahl & Vera Heyl (Universität Heidelberg, Pädagogische Hochschule Heidelberg): Zusammenhang zwischen kognitiver Leistungsfähigkeit und subjektiven Wohlbefinden im Alter: Welche Rolle spielen sensorische Beeinträchtigungen und Alltagskompetenz?
- Stefanie Becker & Regula Blaser (Berner Fachhochschule): Praxis der Demenzdiagnostik bei sehbeeinträchtigen Menschen

14:15

A. Seifert
Zentrum für Gerontologie, Universität Zürich, Zürich/CH;

S18-14-01 

Lebenssituation sehbeeinträchtigter älterer Menschen im Vergleich zu Frühsehbehinderten

Mit der Zunahme des Anteils älterer Menschen in der Bevölkerung steigt die Zahl der Personen, die im Alter neu mit einer Sehbeeinträchtigung konfrontiert sind. Die damit verbundenen Krankheitsbilder werden in den nächsten Jahren nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftlich an Bedeutung gewinnen. Aber wie sieht die Lebenssituation und Lebensqualität der älteren Menschen mit einer sich erst im Alter manifestierenden Sehbehinderung aus und wie unterscheidet sie sich von der Lebenssituation von Frühsehbehinderten? Mittels qualitativen Interviews wurden 22 Personen mit einer schweren Sehbeeinträchtigung ab einem Alter von 65 Jahren befragt. Es wurden sowohl Personen interviewt, welche bereits vor dem Pensionierungsalter einen teilweisen bis vollständigen Sehverlust hatten, als auch Personen, welche erst nach der Pensionierung diesen Verlust erlitten. Somit kann auch ein Gruppenvergleich gezogen werden. Neben der Befragung der betroffenen Personen konnte eine Expertenrunde (N = 14) durchgeführt werden Es kann gezeigt werden, das eine mit dem Alter eintretende Sehbehinderung einen starken Einfluss auf die Ausübung alltäglicher Tätigkeiten, den Tagesablauf sowie auf die Mobilität und die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte hat. Die betroffenen Personen sprechen von einem spürbaren Verlust der Lebensqualität, gerade wenn bisherige Aktivitäten nicht mehr ausgeführt werden können. Sehbehinderung im Alter zu erleben bedeutet meist, einen zusätzlichen Verlust an Autonomie zu akzeptieren. Dies führt insbesondere bei einer schleichenden Verschlechterung zu unterschiedlichen Anpassungsprozessen. Als wichtigste Ressourcen werden neben informellen Hilfen von PartnerInnen und der Familie auch technische Hilfsmittel und Beratungsangebote angegeben. Die beiden untersuchten Gruppen (vor/nach Pensionierung) unterscheiden sich hinsichtlich des Ressourcennetzwerks und der Nutzung von Hilfsmitteln und Beratungsangeboten. Mit der Vorstudie konnten bisherige Erkenntnisse aus der gerontologischen Forschung bestätigt, aber auch neue Impulse und Forschungsfragen aufgezeigt werden. Es ist daher geplant, die Erkenntnisse und relevanten Dimensionen in eine weiterführende Studie (ab Mitte 2015) in der Schweiz einfliessen zu lassen.

14:35

K. Müller
Lehrstuhl der Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik, Ludwig-Maximilians-Universität München, München;

S18-14-02 

Subjektive Hörfähigkeit

Ziel der vorgestellten Studie war es, ein möglichst umfangreiches deskriptives Bild von dem subjektiven Hörstatus, der Versorgungslage und den Auswirkungen einer Höreinbuße (soziale Kontakte; Wohlbefinden) bei der Generation 60+ zu erhalten. Die Datenlage hierzu ist bislang als eher ungesichert anzusehen, da es sich in erster Linie um Schätzungen handelt bzw. um Untersuchungen an vorselektierten Gruppen. Im Zentrum des Interesses steht dabei nicht das objektive Hörvermögen sondern die subjektive Einschätzung, da die subjektive Bewertung für die Bewältigung und die Nutzung von Hilfsmitteln entscheidender ist und zugleich vermutet werden kann, dass sich die subjektive Einschätzung nicht immer mit der objektiven Messung deckt. Es wurde eine schriftliche Fragebogenerhebung bei einer proportional geschichteten randomisierten Stichprobe durchgeführt. Die Stichprobe (N=6000) wurde aus der Bevölkerung (ab einem Lebensalter von 60 Jahren) der Stadt München gezogen, wobei Alter und Geschlecht als Schichtungsmerkmale herangezogen wurden und es ansonsten keinerlei Ein- bzw. Ausschlusskriterien gab. Die Rücklaufquote beträgt ca. 27%. Es wurden Daten zu folgenden Bereichen erhoben: subjektiver Hörstatus (Oldenburger Inventar), Veränderung des Hörvermögens, Dauer eventueller Hörprobleme , HNO-Konsultationen, Vorliegen einer Diagnose der Schwerhörigkeit und Versorgung sowie Nutzung mit/von Hörgeräten, Vorhandensein von Tinnitus/Hyperakusis und Beeinträchtigung hierdurch (Mini-TF), Nutzung evasiver und invasiver Kommunikationsstrategien, Erfassung der möglichen Auswirkungen einer Höreinbuße auf soziale Kontakte (Göteburger Profil) und Lebensqualität (WHO QoL-5). Zudem wurden die Probanden gebeten evtl. vorliegende Audiogramme mit einzusenden. Die Ergebnisse zur subjektiven Hörfähigkeit, Tinnitus und Hyperakusis werden vorgestellt, Zusammenhänge mit der Versorgungslage, Kommunikationsstrategien und einigen soziodemografischen Variablen aufgezeigt und die Auswirkungen auf soziale Kontakte und Wohlbefinden thematisiert.

14:55

M. Wettstein; H.-W. Wahl; V. Heyl1
Abteilung für psychologische Alternsforschung, Psychologisches Institut, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, 1 Psychologie in sonderpädagogischen Handlungfeldern, Insitut für Sonderpädagogik, Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Heidelberg;

S18-14-03 

Zusammenhang zwischen kognitiver Leistungsfähigkeit und subjektivem Wohlbefinden im Alter: Welche Rolle spielen sensorische Beeinträchtigungen und Alltagskompetenz?

Bisherige Forschungsbefunde legen nahe, dass ein Zusammenhang zwischen kognitiver Leistung und subjektivem Wohlbefinden im Alter besteht. Allerdings werden unterschiedlich starke Zusammenhänge berichtet. Zudem gibt es nur wenige Befunde zu potentiell moderierenden sowie mediierenden Einflüssen auf diesen Kognitions-Wohlbefindens-Zusammenhang. Wir untersuchen die Hypothese, dass sensorische Beeinträchtigung den Zusammenhang zwischen kognitiver Leistungsfähigkeit und subjektivem Wohlbefinden moderiert und dass der vermutete engere Kognitions-Wohlbefindens-Zusammenhang in sensorisch beeinträchtigten Gruppen der mediierenden Rolle von Alltagskompetenz zuzuschreiben ist: Aufgrund der begrenzten sensorischen Ressourcen bei Seh- und Hörbeeinträchtigung nehmen kognitive Ressourcen womöglich eine kompensatorische Rolle ein und werden wichtiger für den Erhalt von Alltagskompetenz, die wiederum in einem engen Zusammenhang mit Wohlbefinden steht. Unsere Stichprobe bestand aus sehbeeinträchtigten (n = 121), hörbeeinträchtigten (n= 116) sowie sensorisch unbeeinträchtigten (n = 150) älteren Erwachsenen (Durchschnittsalter = 82.50 Jahre, SD = 4.71 Jahre). Etablierte Tests zur Erfassung der kognitiven Leistungsfähigkeit (z. B. Subtests aus der revidierten Fassung des Hamburg-Wechsler-Intelligenztests für Erwachsene), verschiedene Maße subjektiven Wohlbefindens (Lebenszufriedenheit, positiver und negativer Affekt, Einsamkeit) sowie Instrumente zur Erfassung der Alltagskompetenz (ADL/IADL, außerhäusliche Aktivitäten) wurden eingesetzt. Auf der Grundlage von bivariaten Korrelationen sowie von Multigruppen-Strukturgleichungsmodellen fanden wir stärkere Zusammenhänge zwischen kognitiven Fähigkeiten und Wohlbefinden bei den sensorisch beeinträchtigten Gruppen als bei sensorisch unbeeinträchtigten Personen. Dieses Ergebnismuster blieb auch bei Kontrolle subjektiver Gesundheit bestehen. Bei den sensorisch beeinträchtigten älteren Erwachsenen zeigte sich zudem, dass der Zusammenhang zu einem großen Teil durch die Alltagskompetenz mediiert wird. Diese Befunde tragen zu einem besseren Verständnis des Zusammenspiels von kognitiver Funktionsfähigkeit und Wohlbefinden im Alter und der Rolle sensorischer Beeinträchtigungen bei.

15:15

S. Becker; R. Blaser
Institut Alter, Direktion Wirtschaft, Gesundheit, soziale Arbeit, Berner Fachhochschule, Bern/CH;

S18-14-04 

Praxis der Demenzdiagnostik bei sehbeeinträchtigen Menschen

Eine angemessene Diagnostik und eine erfolgreiche Behandlung vorhandener Sehbeeinträchtigungen bei Menschen mit einer Demenzerkrankung gibt es heute noch kaum. Dies mit dramatischen Folgen für die Betroffenen: Schlechtes Sehen kann zu einer zunehmenden Symptomatik der Demenzerkrankung beitragen, da es die geistigen, körperlichen und sozialen Aktivitäten einschränkt. Weiter ist eine Sehbeeinträchtigung ein häufig vernachlässigter intervenierender Faktor bei der Diagnose einer Demenzerkrankung: Viele Diagnoseinstrumente setzen ein intaktes Sehvermögen voraus. Der Frage, wie die Fachpersonen in der Praxis eine Demenzabklärung bei Menschen mit einer Sehbe-hinderung oder eine Augendiagnostik bei Menschen mit einer Demenzerkrankung handhaben ging das Institut Alter der Berner Fachhochschule (BFH) in einer Studie im Auftrag des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen (SZB) nach. Dazu wurden 15 Experteninterviews zur Dokumentation der gängigen Praxis sowohl in der Ophthalmologie wie in der Demenzdiagnostik durchgeführt. Es wurden zwei Augenärzte/Optiker, fünf Fach-experten aus der Geriatrie/Gerontopsychiatrie/Gerontopsychologie, vier Fachexperten aus dem Low-Vision Bereich, zwei Fachexperten aus der Neuropsychologie sowie zwei Hausärzte/Heimärzte mit einem leitfadengestützten teilstandardisierten Interview befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass eine Anpassung der verwendeten Verfahren und insbesondere eine alters- und bildungsabhängige Normierung an einer Stichprobe von sehbeeinträchtigten Personen notwendig ist, um ihre Sensitivität, Spezifität und damit Validität der Verfahren zu gewährleisten. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden bis anhin jedoch nicht in adaptierte und die geforderten Normen bereitstellende Verfahren für die Praxis umgesetzt. Die Fachpersonen vertrauen auf ihre Erfahrung sowohl in Bezug auf das Diagnostizieren einer Demenzerkrankung als auch auf die Interpretation der neuropsychologischen Testverfahren und sehen, auch in Kenntnis der Gefahr von Fehldiagnosen, keinen dringenden Handlungsbedarf. Wünschenswert wäre ein Dialog zwischen den Fachpersonen der unterschiedlichen Spezialisierungen zu Gunsten einer zuverlässigeren Diagnostik bei Verdacht auf eine Demenzerkrankung bei sehbeeinträchtigten Menschen oder eine Sehbeeinträchtigung bei demenzkranken Menschen.

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