Freitag, 18.09.2015

09:30 - 11:00

B002

S18-01

Psychotherapie mit älteren Menschen - Zugänge – Settings – Verfahren

Moderation: J. Heusinger, Magdeburg

Epidemiologische Studien zeigen, dass psychische Erkrankungen unter älteren Menschen in Deutschland ähnlich verbreitet sind wie in jüngeren Altersgruppen. Unter den Behandlungsverfahren kommt die Psychotherapie trotz ihrer wiederholt belegten Wirksamkeit und besonderer Risiken der pharmakologischen Therapie bei älteren Menschen jedoch seltener zur Anwendung. Dort, wo Zugänge gelingen, erfolgt das sozial disparat. Bisher liegen nur wenige Erkenntnisse vor, worauf dies zurückzuführen ist. Das Symposium geht den Fragen nach, welche Zugänge und Barrieren zur Psychotherapie für ältere Menschen bestehen, in welchen Settings Psychotherapie mit älteren Menschen stattfindet, und welche Erfahrungen mit unterschiedlichen Verfahren bestehen. Beiträge: - Falk, Katrin; Kammerer, Kerstin: Voraussetzungen und Hindernisse für den Zugang älterer Menschen zu ambulanter Psychotherapie aus Sicht von HausärztInnen und PsychotherapeutInnen - Kessler, Eva-Marie: Aufsuchende Psychotherapie im Pflegeheim – eine qualitative Studie zu den Erfahrungen von Verhaltenstherapeuten im Rahmen eines Pilotprojektes - Titel N. N. Diskutantin: - Himmelsbach, Ines

09:30

K. Kammerer; K. Falk; J. Heusinger1 Institut für gerontologische Forschung e. V., Berlin; 1 Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen, Hochschule Magdeburg-Stendal, Magdeburg;

S18-01-01 

Voraussetzungen und Hindernisse für den Zugang älterer Menschen zu ambulanter Psychotherapie aus Sicht von HausärztInnen und PsychotherapeutInnen

Hintergrund: Rund ein Viertel der Menschen ab 65 Jahren gilt als von psychischen Erkrankungen betroffen, wobei Depressionen zu den häufigsten zählen (Weyerer & Bickel 2007, Helmchen et al. 1996). Obwohl die Wirksamkeit von Psychotherapie auch für ältere Menschen belegt ist (Heuft et al. 2006), sind sie seltener in psychotherapeutischer Behandlung als jüngere. Die BMBF-geförderte Studie „PSYTIA – Psychotherapie im Alter“ untersucht daher den Zugang über 60-jähriger, zu Hause lebender Menschen mit depressiver Erkrankung zu ambulanter Psychotherapie. Ein Fokus liegt dabei auf der Bedeutung der Wahrnehmungen und Handlungsorientierungen von HausärztInnen und PsychotherapeutInnen für den Zugang. Zielsetzung: Der Symposiumsbeitrag stellt dar, welche Voraussetzungen und Hindernisse HausärztInnen und PsychotherapeutInnen für den Zugang älterer Menschen zu ambulanter Psychotherapie sehen. Methode: Durchgeführt wurden zwei schriftliche Befragungen, eine unter LehrärztInnen des Instituts für Allgemeinmedizin der Charité Universitätsmedizin in Kooperation mit PD Dr. Christoph Heintze, eine unter Mitgliedern der Psychotherapeutenkammer Berlin in Kooperation mit der Kammer. Präsentiert werden die Ergebnisse der inhaltsanalytischen Auswertung der Freitext-Antworten nach Voraussetzungen und Hindernissen für den Zugang älterer Menschen mit depressiver Erkrankung zu psychotherapeutischer Versorgung. Ergebnisse: Beide Versorgergruppen verorten Hindernisse und Voraussetzungen für eine erfolgreiche Weitervermittlung bzw. einen gelingenden Zugang zu Psychotherapie überwiegend auf Seiten der (potentiellen) PatientInnen sowie im Versorgungssystem (Wartezeiten, Verfügbarkeit von Plätzen). Die eigene professionelle Rolle wird demgegenüber eher nachrangig thematisiert. Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass beide Versorgergruppen externe Zugangsbarrieren als besonders bedeutsam wahrnehmen, die nur teilweise innerhalb ihrer Handlungsmöglichkeiten zu liegen scheinen. Dies ist einerseits ein deutlicher Hinweis auf strukturelle Mängel im Versorgungssystem (Wartezeiten, Verfügbarkeit von Therapieplätzen). Andererseits zeigen einzelne Antworten, dass auch unter den gegebenen Bedingungen Handlungsspielräume bestehen.

09:55

K. Falk; K. Kammerer; J. Heusinger1 Institut für gerontologische Forschung e. V., Berlin; 1 Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen, Hochschule Magdeburg-Stendal, Magdeburg;

S18-01-02 

Der Zugang älterer mobilitätseingeschränkter Menschen zu ambulanter Psychotherapie aus Sicht von PsychotherapeutInnen

Hintergrund: Obwohl die Wirksamkeit von Psychotherapie auch für ältere Menschen belegt ist, sind diese seltener in psychotherapeutischer Behandlung als jüngere. Mit zunehmendem Alter steigt gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit körperlicher Beeinträchtigungen. Eine selbstbestimmte Mobilität und in der Folge der Zugang zu Psychotherapie kann dann durch Barrieren besonders erschwert werden. Die Beseitigung von Barrieren setzt entsprechendes Problembewusstsein bspw. der Akteure des Versorgungssystems voraus. Zielsetzung: Der Beitrag geht vor diesem Hintergrund der Frage nach, auf welche Barrieren und Möglichkeiten über 60-jährige, zu Hause lebende Menschen mit Mobilitätseinschränkungen aus Sicht von PsychotherapeutInnen beim Zugang zu ambulanter Psychotherapie stoßen und welche kompensatorischen Maßnahmen den Zugang gegebenenfalls ermöglichen. Methode: Im Rahmen der BMBF-geförderten Studie „PSYTIA – Psychotherapie im Alter“ wurden in Kooperation mit der Berliner Psychotherapeutenkammer deren Mitglieder schriftlich u. a. zu Zugangswegen älterer mobilitätseingeschränkter PatientInnen in die psychotherapeutische Behandlung befragt. Die Freitext-Antworten wurden inhaltsanalytisch ausgewertet. Ergebnisse: Etwa die Hälfte der 409 an der Befragung teilnehmenden PsychotherapeutInnen gab an, Erfahrungen mit der Behandlung mobilitätseingeschränkter PatientInnen zu haben. Die Kompensation der Mobilitätsbeeinträchtigung erfolgte in der Mehrzahl der berichteten Fälle durch die PatientInnen selbst, die z. B. unter Rückgriff auf ihr soziales Netz oder Mobilitätsdienste in die Praxis kamen. In einigen Fällen kam es zu Anpassungen des therapeutischen Settings, z. B. durch Hausbesuche, andere Orte oder Telefonate; berichtet wurde auch von Pausen oder dem Abbruch der Psychotherapie. Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass die befragten PsychotherapeutInnen vor allem Erfahrungen mit PatientInnen beschreiben, die Einschränkungen der Mobilität selbst kompensieren, dabei jedoch häufig auf die Unterstützung durch Dritte oder andere Ressourcen angewiesen sind. Anpassungen auf Seiten der Psychotherapie bzw. der Abbau von Mobilitätsbarrieren werden kaum thematisiert. Die Ergebnisse werfen die Frage nach den Implikationen solcher Arrangements für den psychotherapeutischen Prozess auf sowie nach der Sicherstellung des Zugangs für ältere Menschen, die nicht auf die genannten Ressourcen zurückgreifen können.

10:20

E.-M. Kessler
Abteilung für Psychologische Alternsforschung, Psychologisches Institut Netzwerk Alternsforschung (NAR), Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Heidelberg;

S18-01-03 

Aufsuchende Psychotherapie im Pflegeheim – eine qualitative Studie zu den Erfahrungen von Verhaltenstherapeut/innen im Rahmen eines Pilotprojektes

Zielsetzung: Es besteht großer Bedarf, psychotherapeutische Behandlungsansätze für Pflegeheimbewohner/innen mit Depression zu entwickeln und zu implementieren. In Ergänzung einer kleiner Anzahl quantitativer Outcome-Studien gibt die vorliegende Studie einen Einblick in die Praxiserfahrungen von Psychotherapeut/innen, die im Rahmen eines Pilotprojektes aufsuchende verhaltenstherapeutische Depressionsbehandlung im ambulanten einzeltherapeutischen Setting in Pflegeheimen angeboten haben. Ziel war es, handlungsleitendes Wissen zu generieren, welches die Versorgungspraxis und damit die Lebensqualität von Pflegeheimbewohner/innen mit Depression verbessern soll. Design und Methode: Der methodische Ansatz bestand aus einer Triangulation zwischen Verhaltensbeobachtung und Fokusgruppeninterviews. Es fand eine 3,5stündige Gruppendiskussion mit sechs Therapeut/innen und zwei Supervisor/innen statt. Diese wurde auf der Basis von Grounded Theory ausgewertet und umfasste auch Diskussionen mit Expert/innen aus den Bereichen Alterspsychotherapie, Soziologie und Public Health. Ergebnis: Die Therapeut/innen schwankten zwischen klaren Vorstellungen von einer Therapeutenrolle, die sich an die besondere psychophysische und soziale Lebenssituation der Patient/innen anpasste, und Unsicherheit hinsichtlich ihrer Rolle, weil sie in deren drängende alltägliche und existentielle Bedürfnisse hineingezogen wurden. Insgesamt nahmen die Therapeut/innen eine aktiv-unterstützende, haltgebende und strukturvermittelnde therapeutische Rolle ein. Dabei standen sie gleichzeitig der Herausforderung gegenüber, nicht zu „Rundumtherapeuten“ der Patient/innen bzw. ‚Therapeut/innen der Institution‘ zu werden. Implikation: Die therapeutische Arbeit mit Pflegeheimbewohner/innen mit Depression erfordert eine veränderte professionelle Schwerpunktsetzung und Ausrichtung der psychotherapeutischen Rolle. Weitreichende Flexibilisierungen von Strukturen der gesundheitlichen Versorgung erscheinen notwendig, um ein systematisches und koordiniertes Arbeiten von Psychotherapeuten in Pflegeheimen zu ermöglichen.

Diskutantin: I. Himmelsbach, Freiburg

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