Freitag, 18.09.2015

12:00 - 13:30

C310

S18-12

Partizipative Quartiersentwicklung im Dialog - Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Moderation: J. Stiel, Dortmund

Die Verantwortung der Kommunen bei der Gestaltung der demografischen Alterung rückt zunehmend ins Zentrum wissenschaftlicher und politischer Debatten. In diesem Kontext sind längst auch Quartiere als kleinräumige Handlungsebene in den Blick geraten und mit ihnen zahlreiche Entwicklungskonzepte.

Das Symposium widmet sich aktuellen „Rezepten“ und Praxisbeispielen zur Entwicklung von Quartieren für das Alter(n), den Chancen und Risiken ihrer Umsetzung und blickt auf Weiterentwicklungsbedarfe aus der Perspektive spezifischer Gruppen Älterer. Je einem kritisch-konzeptionellen Beitrag wird ein empirischer beigestellt.

Janina Stiel wird zu Beginn bekannte überregionale Quartiersentwicklungskonzepte u.a. daraufhin analysieren, auf welcher theoretischen und methodischen Grundlage sie basieren, welche räumlichen Umwelten sie fokussieren, welche Handlungsfelder gesehen werden und welche Rolle Partizipation älterer Menschen darin spielt.

Demgegenüber wird Ann-Christin Kotschate an einem abgeschlossenen Begleitforschungsprojekt zeigen, wie in der Stadt Gelsenkirchen – die als Vorreiter in Sachen Quartiersentwicklung gelten kann – Partizipations-, Kooperations- und Unterstützungsstrukturen in den Quartieren geschaffen werden. Ein kontrastierender Blick auf zwei Quartiere zeigt u.a. wie flexibel mit verschiedenen Voraussetzungen umgegangen werden muss.

Im zweiten konzeptionellen Beitrag lenkt Vera Miesen vertiefend den Blick auf die Bedeutung der Analyse von Machtstrukturen bei Partizipationsprozessen. Welche Chancen und Risiken ergeben sich bei der Ausrichtung von Teilhabeprozessen auf den Sozialraum (u.a. Gemeinwesenarbeit, community organizing), insbesondere für sozial- und bildungsbenachteiligte Ältere?

Während sich die Forschung (und Praxis) dieser Gruppe Älterer zunehmend widmet, stellt Susanne Frewer-Graumann zum Abschluss die Perspektive einer Gruppe dar, die bisher kaum im Fokus von Quartiersentwicklung steht: pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz. Als Hauptbezugspersonen wissen sie u.a. wo (Versorgungs-)Strukturen im Quartier nicht auf die eigenen gestalteten Unterstützungsarrangements passen und was im Quartier getan werden kann, um das familiale Pflegepotential stärker zu unterstützen.

Sowohl die Beiträge als auch die gemeinsame von Josefine Heusinger moderierte Diskussion dienen dazu, einen kritischen Blick auf die Konzepte zu lenken, auf das jeweilige Verständnis von Partizipation und auf Potenziale ihrer Weiterentwicklung.

12:00

J. Stiel
FB Angewandte Sozialwissenschaften, Fachhochschule Dortmund, Dortmund;

S18-12-01 

Konzepte „altengerechter“ Quartiersentwicklung auf dem Prüfstand

Hintergrund Die Entwicklung "altengerechter" Wohnquartiere ist eine wichtige Zukunftsaufgabe in alternden Gesellschaften. Aber: ein "altengerechtes"/ "altersfreundliches"/ "generationengerechtes"/ "inklusives" Quartier – was ist das eigentlich?
Auch wenn es natürlich das "altengerechte" Quartier nicht geben kann, so sind gerade in den letzten Jahren vielfältige Konzepte vorgelegt worden, wie ein solches zu entwickeln wäre. Da diese den Kommunen und weiteren Akteuren als Orientierung dienen dürften, steht ihre Analyse im Zentrum dieses Beitrags.

Methodik

Untersucht werden folgende überregionale, in den letzten 10 Jahren in Deutschland vorgelegte Konzepte, Zielsysteme, Handlungsempfehlungen zur Entwicklung von Quartieren für das Alter: Hochtief Construction et al.: „WohnQuartier4 - Die Zukunft altersgerechter Quartiere gestalten“

V. Kreuzer: „Altengerechte Wohnquartiere - Stadtplanerische Empfehlungen für den Umgang mit der demografischen Alterung auf kommunaler Ebene"

BMVBS & BBSR: Ergebnisse des EXWoSt-Forschungsfelds „Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere“

MGEPA: „Masterplan altengerechte Quartiere NRW“

KDA-Ansatz: „Quartiersentwicklung“

Der Siebte Altenbericht: "Sorge und Mitverantwortung in der Kommune“ (wird ergänzt sobald er erscheint)

Als internationaler Vertreter wird das vielbeachtete Konzept der World Health Organisation (WHO) „Age-friendly Cities“ in den Vergleich einbezogen.

Mit einer strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse werden die Konzepte u.a. dahingehend systematisiert, auf welcher theoretischen und methodischen Grundlage sie basieren, welche Zielgrößen sie verfolgen, welche räumliche Umwelt sie fokussieren, welche Handlungsfelder gesehen werden und inwieweit dabei die Heterogenität des Alters beachtet wird.

Ergebnisse und Diskussion

Die gewählten Konzepte unterscheiden sich zum Teil wesentlich in ihrer Herangehensweise (deduktiv, induktiv, mit/ohne Theoriebezug), ihrem Ziel (z.B. Versorgungssicherheit, Selbstbestimmung, active ageing), den Handlungsfeldern und ihrer Gültigkeit für nur bestimmte Räume oder Gruppen Älterer. Dies ermöglicht die Diskussion darüber, welchen Beitrag die Soziale Gerontologie leisten kann, blinde Flecken der transdisziplinären Aufgabe der Gestaltung von Umwelten für das Alter zu schließen. Kritisch ist vor allem zu diskutieren welche Rolle den Älteren in den Konzepten zugedacht ist und welche gesamtgesellschaftliche Verantwortung dem Quartier.

12:20

A.-C. Kotschate
Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, Fachhochschule Dortmund, Dortmund;

S18-12-02 

Quartiere im Aufbruch - Kontrastierende Ergebnisse eines Begleitforschungsprojekts zur Entwicklung von Quartiersnetzen

Hintergrund Im Zentrum der Ausführungen steht die kontrastive Betrachtung der Entwicklung von Quartiersnetzen in Gelsenkirchen. Eingebettet ist diese Entwicklung in den demographie- und seniorenpolitischen Reformprozess der Stadt. In Gelsenkirchen werden unter der handlungsleitenden Konzeption des Partizipationsparadigmas wohnortnahe Ermöglichungs- und entsprechende quartiersbezogene Unterstützungs- und Kooperationsstrukturen geschaffen. Dies dient den Zielen, dass ältere Menschen am Quartiersleben teilhaben (soziale Partizipation), durch Quartiersnetze Unterstützung finden und selbstbestimmt so lange wie möglich im Wohn-/Nahraum verbleiben sowie zugleich als Akteure der örtlichen Sozialraumgestaltung neue gesellschaftliche Rollen, wie etwa die von Ko-Produzenten der Quartiersnetzentwicklung (politische Partizipation), einnehmen können.

Methodik Das einjährige Begleitforschungsprojekt „Gerne älter werden in Gelsenkirchen“ (ein Kooperationsprojekt zwischen der FH Dortmund und der Stadt Gelsenkirchen), auf das im Beitrag Bezug genommen wird, untersuchte exemplarisch die Entwicklung von Quartiersnetzen (d.h. Partizipations-, Kooperations- und Unterstützungsstrukturen) in zwei Quartieren. Hierzu wurden zunächst quartiersbezogene Bestandsaufnahmen durchgeführt, welche sich im Wesentlichen auf leitfadenorientiere Experteninterviews, Stadtteilbegehungen und Sekundäranalysen stützten. Die zweite Projektphase widmete sich dann primär der Prozessbeobachtung und -analyse durch teilnehmende Beobachtung der Vor-Ort-Prozesse.

Ergebnisse und Diskussion Der Beitrag stellt die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und Perspektiven, Rollen, Zielvorstellungen sowie (Akteurs-)Konstellationen der partizipativen Quartiersnetzentwicklung beider Quartiere kontrastierend vor. Wie gestaltet sich jeweils der Prozess der Quartiersnetzentwicklung? Wie ist das Zusammenspiel der unterschiedlichen Akteure in den Quartieren angelegt und wie können die Ziele (nachhaltig) erreicht werden? In welcher Art und Weise sind bürgerschaftliche Partizipationsstrukturen mit akteursbezogenen Netzwerk- bzw. Kooperationsstrukturen verknüpft? Schließlich sollen Rückschlüsse dahingehend gezogen werden, welche (Schlüssel-)Qualifikationen, Methodenkompetenzen und professionellen Haltungen auf Seiten der in solchen Prozessen involvierten verantwortlichen Akteure erforderlich sind.

12:40

V. Miesen
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Aachen;

S18-12-03 

Partizipation im Quartier - Teilhabe für Alle?

Hintergrund
Partizipations- und Teilhabeprozesse im Alter werden verstärkt auf das Quartier ausgerichtet. Insbesondere zur Erreichung sozial- und bildungsbenachteiligter Älterer hat sich die Ansprache über den Sozialraum als erfolgreich erwiesen. Nach Bourdieu ist das Quartier jedoch auch durch Herrschaftsdimensionen und Konfliktlinien geprägt. Die Verteilung von Klassen und Akteuren im Quartier ist als wichtiger Faktor der Reproduktion gesellschaftlicher Positionen zu sehen. Im Kontext dieses Spannungsfeldes setzt sich der Beitrag mit Chancen und Risiken der Gestaltung sozialraumorientierter Partizipationsprozesse auseinander.

Methodik
Ausgehend von der These, dass das Quartier als wesentlicher Teil der symbolischen Ordnung zu sehen ist, in der die übergeordneten Klassen ihre Sichtweisen der sozialen Welt durchsetzen, nimmt der Beitrag Bezug auf die theoretischen Ansätzen Pierre Bourdieus zur Aneignung des physischen Raums und der Position im sozialen Raum sowie Martina Löws Arbeiten zum relationalen Raumverständnis. Auf Grundlage dieser theoretischen Ansätze werden bestehende Sozialraumkonzepte (u.a. Gemeinwesenarbeit, community organizing) kritisch beleuchtet, um darauf aufbauend Potenziale der Ansätze zu identifizieren sowie Hinweise für die Gestaltung von Partizipationsprozessen im Alter zu formulieren.

Ergebnisse und Diskussion
Der Beitrag skizziert die Bedeutung der Analyse von Machtstrukturen im Sozialraum, um auf dieser Grundlage die Rolle der Sozialen Gerontologie zu diskutieren. Insbesondere das Konzept der Gemeinwesenarbeit scheint für die Erreichung sozial- und bildungsbenachteiligter Älterer anschlussfähig zu sein, da es den Abbau sozialer Ungleichheit fokussiert und zudem die Lösung struktureller Probleme nicht ausschließlich im Quartier sucht, sondern immer auch die gesamtstädtische SeniorInnenarbeit im Blick hat.

13:00

S. Frewer-Graumann
Fachbereich Sozialwesen, Katholische Hochschule NRW, Münster;

Dieser Vortrag fällt leider aus !

S18-12-04 

Von ExpertInnen der Lebenswelt lernen: Subjektive Sichtweisen auf Versorgungsstrukturen im Quartier

Der überwiegende Teil der Menschen mit Demenz wird in Privathaushalten von Angehörigen betreut. Hauptbezugspersonen von demenziell erkrankten Menschen leisten dabei den Großteil täglicher Betreuungs- und Pflegeleistungen. Aufgrund gesellschaftlicher Transformationsprozesse ist davon auszugehen, dass das familiale Pflegepotenzial weiter abnehmen wird. Entsprechende Strukturen im Quartier, wie sie in Konzepten wie der demenzfreundlichen Kommune zu finden sind, können unterstützend und entlastend wirken. Als ExpertInnen ihrer Lebenswelt verfügen Hauptbezugspersonen über einen großen Wissensfundus in Bezug auf Möglichkeiten, Hindernisse und Grenzen ihrer Alltagsbewältigung. Dennoch ist relativ wenig darüber bekannt, wie sie ihren Alltag arrangieren, wo und wie sie Unterstützung erfahren und wo aus ihrer Perspektive Versorgungsstrukturen im Quartier nicht auf die sehr individuell gestalteten Unterstützungsarrangements passen. An dieser Stelle setzt der vorliegende Beitrag an, in dem Einblicke in eine qualitativ-rekonstruktive Forschung gegeben werden. Grundlage sind Interviews mit Hauptbezugspersonen und teilweise mit Menschen mi Demenz, die mittels eines Leitfadens erhoben und mit der Grounded Theory ausgewertet wurden. Im Beitrag werden Forschungsergebnisse vorgestellt, die die Perspektive der Angehörigen auf bestehende Versorgungsstrukturen im Quartier verdeutlichen, Hinweise auf ihr Aneignungshandeln geben und aufzeigen, wo Planungsverantwortliche diese Perspektive stärker einbeziehen sollten, um das familiale Pflegepotential zu flankieren.

Diskutantin: J. Heusinger, Berlin

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