Freitag, 18.09.2015

12:00 - 13:30

B002

S18-07

Maskulinität und Räumlichkeit im Alter - Empirische Facetten von Raumbezug und Männlichkeitserleben im mittleren und höheren Alter

Moderation: M. Leontowitsch, Frankfurt a. M.; F. Oswald, Frankfurt a. M.

Die Zahl der Männer, die ein hohes und sehr hohes Alter erreichen, nimmt heute, anders als in vorherigen Generationen, deutlich zu. Das Leben alternder Männer erscheint dabei manchmal widersprüchlich. Einerseits kann es als weitgehend unproblematisch betrachtet werden, da alternde Männer z.B. auf Grund höherer Renten und dem gesicherten Zusammenleben mit Ehefrau/Partnerin materiell und emotional gut „versorgt“ sind. Andererseits gilt das Leben älterer Männer, vor allem wenn sie alleine leben, als riskant im Hinblick auf soziale Isolation, erhöhte Mortalität und psychische Erkrankung. Ein Fokus auf die Wohnumwelt nach dem Übergang in die berufsfreie Zeit ist wichtig, da dieser häufig mit der Partnerin neu verhandelt werden muss. Darüber hinaus ist der unmittelbare Lebensort oft stärker durch Frauen und ihre sozialen Netzwerke definiert. Auch die Organisation des alltäglichen Wohnens innerhalb und außerhalb der eigenen vier Wände insbesondere bei Hochaltrigkeit wird selten aus der Sicht älterer Männer betrachtet. Jenseits dieser vornehmlich traditionellen Lebensweltbetrachtung ist in den nachrückenden jüngeren Geburtskohorten das Alter für Männer mit einer HIV Infektion durch neue Herausforderungen geprägt. Diese ergeben sich aus der bis vor kurzem noch unerwarteten Lebenserwartung für Menschen mit HIV, sowie den unbeständigen sozialen Netzwerken von chronisch kranken älteren Männern. Vor diesem Hintergrund werden im Symposium einige ausgewählte Facetten von Männlichkeit und Alter empirisch adressiert: Werny zeigt, welchen Einfluss das direkte räumliche Umfeld auf die Männlichkeitspräsentation hat. Konopik et al. rekonstruieren biographische Muster von Gesundheitserleben und ihre Bedeutung für die Gesundheitskompetenz älterer Männer. Wolf et al. adressieren das Erleben des Wohnalltags alleinlebender hochbetagter Männer im urbanen Kontext. Ahmad und Langer widmen sich einer anderen Geburtskohorte und dem Erleben von HIV bei Männern. Die Projekte beleuchten unterschiedliche Wohn- und Lebensformen, in denen ältere Männer leben, welche Dimensionen (z.B. Gesundheit oder finanzielle Absicherung) ihre Lebensorte beeinflussen und die Heterogenität der Lebensentwürfe im Alter. Die Beiträge werden zusammenführend von Insa Fooken diskutiert, die aufzeigen kann, dass manche Männer im Alter heute neue Wege gehen. Gleichzeitig bleiben die Strukturen und Erfahrungen ihres bisherigen Lebens zentrale Säulen ihrer Identität und Maskulinität.

12:00

F. Wolf; S. Penger; F. Oswald
Frankfurter Forum für interdisziplinäre Alternsforschung, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt Main, Frankfurt a. M.;

S18-07-01 

Soziale Einbindung und Einsamkeitserleben bei privat wohnenden hochaltrigen alleinlebenden Männern – eine vernachlässigte Risikogruppe?

Gerade im sehr hohen Alter sind Wohlbefinden, Selbständigkeit und Lebensqualität eng verknüpft mit Fragen der Wohn- und Haushaltform. Im privaten Haushalt bis ins sehr hohe Alter auch allein zurechtzukommen, war lang eine Herausforderung, vor der typischerweise Frauen standen. Mittlerweile leben aber auch immer mehr hochbetagte Männer allein in privaten Haushalten. Im Projekt „Hier will ich wohnen bleiben!“ - Zur Bedeutung des Wohnens in der Nachbarschaft für gesundes Altern (BEWOHNT) wurde unter anderem die Frage verfolgt, ob und wenn ja, worin sich in der Stadt privat wohnende hochbetagte alleinlebende von nicht allein lebenden Männern im Kontrast zu Frauen desselben Alters unterscheiden. Ein Fokus lag dabei auf Aspekten des sozialen Austausches (Anzahl und Bewertung sozialer Kontakte [PRQ-K]) und des Erlebens sozialer Einbindung (Nachbarschaftserleben [Social Cohesion / Control], soziale und emotionale Einsamkeit) sowie auf grundlegenden Indikatoren „gesunden Alterns“ (subjektive Gesundheit [PRQ-K], Alltagsselbständigkeit [ADL/IADL], psychisches Wohlbefinden [Valuation of Life] und Zukunftsbewertung). Die Befunde basieren auf Daten von Hausbesuchen zum ersten Messzeitpunkt des Projekts mit insgesamt 595 allein oder mit ihrem Partner lebenden Frauen und Männer aus drei Frankfurter Stadtteilen (stratifiziert nach Alter 70-79 vs. 80-89 Jahre alt, Stadtteil und Haushaltsform). Verglichen wurden für diese Auswertung 35 alleinlebende hochaltrige Männer (M = 83,2 Jahre alt) mit 86 im Partnerhaushalt lebenden hochaltrigen Männern (M = 83,5 Jahre alt) und 109 allein lebenden hochaltrigen Frauen (M = 84,6 Jahre alt). Erste deskriptive Gruppenvergleiche verweisen auf weitgehende Ähnlichkeit in allen Indikatoren „gesunden Alters“. Allerdings können auch Unterschiede in der Verfügbarkeit und Bewertung sozialer Beziehungen sowie im Erleben von Einsamkeit beschrieben werden. So ist die Haushaltsform und nicht das Geschlecht entscheidend für unterschiedliches Erleben der genannten Faktoren. Alleinlebende Männer verfügen über weniger Kontakte und bewerten diese auch negativer. Gleiches gilt für das Einsamkeitserleben, wobei hier alleinlebende Frauen allerdings eine geringere emotionale Einsamkeit aufweisen als alleinlebende Männer. Die Befunde verweisen darauf, dass diese zunehmend wachsende Gruppe von Personen auch im Hinblick auf die Vermeidung nachbarschaftlicher Risikokonstellationen und die zukünftige Stärkung sozialer Beziehungen im Quartier Beachtung verdient.

12:15

R. Werny
Interdisziplinäre Alternswissenschaft, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Frankfurt a. M.;

S18-07-02 

„Das ist die streng bewachteste Tür, die es gibt“ - Zur Bedeutung des direkten Wohnumfelds für die Männlichkeitskonstruktion hochaltriger Männer

Wie passen das (Er)leben von Männlichkeit, Lebensalter und Wohnsituation zusammen, oder haben diese Kategorien keine belegbaren Schnittmengen? Diese Arbeit fokussiert die komplexe Wechselwirkung und Ko-Konstruktion der beiden Kategorien Alter(n) und Männlichkeit. Diese werden aufgezeigt anhand der diversen und gleichzeitig diffusen Stellung älterer Männer zwischen Statusgewinn und Marginalisierung, die Jeff Hearn (2010) als abwesende Anwesenheit bezeichnet. Der Beitrag bearbeitet demnach nicht die Frage, ob Männlichkeit etwas ist, das bis ins hohe Alter hinein performativ hergestellt werden muss, sondern wie sie hergestellt wird und welche Stellung in diesem Kontext das direkte Wohnumfeld einnimmt.Im Rahmen meiner Bachelorarbeit wurden zwei biographisch-narrative Interviews mit 84 bis 89 jährigen Männern geführt und gemäß der rekonstruktiven Fallanalyse nach Rosenthal ausgewertet. Diese ermöglicht es, die Kategorien eingebettet in den Gesamtzusammenhang der Lebensgeschichte zu analysieren und die Strategien zur Präsentation und Konstruktion von (hegemonialer) Männlichkeit im Verhältnis zu Lebensalter und Wohnsituation zu untersuchen. Die Analyse zeigt, dass das direkte Wohnumfeld in lebensgeschichtlichen Erzählungen ein wichtiger Bezugspunkt der Männlichkeitskonstruktion hochaltriger Männer ist. Die Möglichkeiten der Männlichkeitspräsentation im direkten Wohnumfeld sind demnach stark von Mobilität, sozialen Netzwerken und Gesundheit abhängig. Einer der Teilnehmer konnte sich in nachbarschaftlichen Interaktionen gegenüber jüngeren und älteren Nachbar*innen als Helfer und Experte inszenieren und sein Expertenwissen in andere Bereiche und Beziehungen übertragen. Im Kontrast dazu steht ein Teilnehmer, der auf die Unterstützung seiner Nachbar*innen angewiesen war und seine Abhängigkeit und seinen Kontrollverlust anhand seiner Wohnungstür thematisierte. Gleichzeitig präsentierte er sich als Mann, der jungen Männern in seinem Wohnumfeld seine Ideale auf verbaler Ebene vermittelt und in Auseinandersetzungen mit ihnen eine hegemoniale Machtposition einnimmt. Dies verweist zum Einen darauf, dass die Männlichkeitspräsentation auf verbaler und performativer Ebene eine hohe Heterogenität aufweist, die sich stellenweise als brüchig zeigt. Zum Anderen lässt sich feststellen, dass die Positionierung im Raum für die Männlichkeitskonstruktion hochaltriger Männer innerhalb dieser Arbeit eine zentrale Rolle spielt, die in Zukunft eingehender untersucht werden sollte.

12:30

N. Konopik; I. Himmelsbach1; F. Oswald Frankfurter Forum für interdisziplinäre Alternsforschung, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt Main, Frankfurt a. M.; 1 Soziale Gerontologie, Katholische Hochschule Freiburg, Freiburg;

S18-07-03 

‘Gendered Health Literacy’ – Gibt es geschlechtsspezifische Aspekte von Gesundheitskompetenz älterer Männer im urbanen Kontext?

Gesundheitskompetenz (‚Health Literacy‘) wird nicht mehr nur aus einer Public Health Perspektive beforscht, sondern ist auch in der Gerontologie angekommen. So verweist der Europäische Health Literacy Survey (HLS-EU) darauf, dass gerade hochbetagte privat lebende Menschen als besonders vulnerabel gelten. Welchen Stellenwert hat neben dem Lebensalter und der Wohnsituation aber die im biographischen Erleben verankerte traditionelle Geschlechterrolle von Männern? Insbesondere mit Blick auf die wachsende Zahl hochbetagter Männer gibt es hier einen Forschungsbedarf. Die hier vorgestellten Auswertungen basieren auf dem Frankfurter Forschungsprojekt Gesund altern in der Stadt (GAIS) und verfolgen zwei Ziele: (1) Eine Verbesserung des Verständnisses gesundheitsförderlichen Handelns im Alter unter der Perspektive von Person-Umwelt Austauschprozessen im urbanen Kontext; (2) Die Erforschung männlichen Gesundheitserlebens und Gesundheitshandelns über die Lebensspanne aus biografischer Perspektive. Die Daten stammen aus 12 biographischen-problemzentrierten Interviews, stratifiziert nach Alter (70-89 Jahre alt), Geschlecht, Gesundheitszustand, SES und Stadtteil. Erste Ergebnisse mit Bezug zur ersten Frage zeigen, dass Aspekte von Gesundheitshandeln bei Männern und Frauen in verschiedenen Dimensionen von Umwelt (sozial, physisch, technisch, institutionell) sichtbar werden. Mit Bezug zur zweiten Frage zeigt sich, dass männliches Gesundheitserleben und gesundheitsbezogene Handlungen im höheren Lebensalter in Verbindung gebracht werden können mit traditionellen gesellschaftlichen Männerbildern und Geschlechterrollen. Dies wird anhand eines Fallportraits dargestellt. Die Befunde sollen in einem weiteren Schritt zur Verbesserung von Praxis- und Bildungsangeboten mit dem Schwerpunkt der urbanen und quartiersnahen Förderung der Gesundheitskompetenz im Alter genutzt werden.

12:45

A.-N. Ahmad; P. C. Langer
Soziologie, Gesellschaftswissenschaften, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt a. M.;

S18-07-04 

Zum Verhältnis von chronischer Erkrankung und Männlichkeit – eine intersektionale Analyse

In den Ländern des globalen Nordens gerät in den letzten Jahren zunehmend eine Entwicklung in den Blick, die vielen noch vor wenigen Jahren undenkbar erschien: Aufgrund der besseren Behandelbarkeit von HIV und Aids seit Ende der 1990er Jahre steigt das durchschnittliche Lebensalter der Menschen mit HIV und Aids, der Anteil älterer Menschen unter den HIV-Infizierten wird somit immer größer. In Deutschland sollen Prognosen zufolge in der Zukunft mehr als die Hälfte der 80 000 HIV-positiven in Deutschland 50 Jahre und älter sein. Da in Deutschland bislang dazu keine belastbaren Daten vorlagen, wurden in einer bundesweiten Studie 50plushiv im Sinne der Triangulation verschiedene qualitative Methoden integriert, um die Lebenswirklichkeiten älterer HIV-positiver Menschen in Deutschland zu untersuchen. In der ersten, explorativen Feldphase wurden Expert*innen u.a. aus dem medizinischen Bereich, der Versorgung und psychosozialen Beratung u.a. zu den Herausforderungen von älteren HIV-Positiven befragt. Die transkribierten Interviews wurden inhaltsanalytisch ausgewertet und interpretativ verdichtet. In der zweiten Feldphase wurden 33 narrative Interviews mit älteren HIV-positiven Männern im Alter zwischen 50–80 Jahren durchgeführt und dabei ego-zentrierte Netzwerkkarten mit den Interviewpartnern angelegt. Die transkribierten Interviews wurden kodiert und die biographisch-narrativen Elemente fallrekonstruktiv mittels der dokumentarischen Methode analysiert. Zudem wurden drei ethnographische Studien in verschiedenen Einrichtungen der Pflege- und Versorgung durchgeführt. In dem Vortrag sollen auf Basis des Intersektionalitätsansatzes die Befunde der Studie bezüglich des Lebens- und Wohnortes sowie dem Verhältnis von Maskulinität in diesen Räumen kritisch diskutiert und reflektiert werden. Dazu werden drei, auf Interviews basierende Fallportraits von älteren HIV-positiven Männern vorgestellt sowie Erkenntnisse aus den Ethnographien aufgezeigt. Die Daten offenbaren äußerst heterogene Lebenswirklichkeiten und Lebensentwürfe und verdeutlichen die komplexe Interaktion von Gesundheitszustand, sozioökonomischer Situation, sozialer Netzwerke sowie sexuellen Orientierung.

Diskutantin: I. Fooken, Siegen

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