Freitag, 18.09.2015

14:15 - 15:45

Aula

S18-13

"Lebensorte verbinden"- ein Mannheimer Symposium

Moderation: A. Hedtke-Becker, Mannheim

In diesem multidisziplinären Symposium werden Forschungsprojekte vorgestellt, die einen Bezug zu Mannheim haben, zum einen als Stadt, in der eine Studie durchgeführt oder ein Großteil der Teilnehmenden der Studien lebt, oder aber als Ausgangspunkt der Forschenden. Die Beiträge befassen sich einerseits mit unterschiedlichen Aspekten der Wahrnehmung von Raum und andererseits der Überwindung räumlicher Grenzen oder dem Sich-darin-zurechtfinden. Stadterfahrung älterer Menschen aus dem Blickwinkel von Architektur und Landschaftsarchitektur darzustellen; durch sozialarbeiterisch-technisch begleitete, niedrigschwellige Telekommunikation intensive Kontakte zwischen hochaltrigen/chronisch kranken Menschen und ihren Angehörigen auch über Entfernungen hinweg zu ermöglichen; zu verstehen, dass „Nischen als Nicht-Orte“ die interessantesten Räume im Pflegeheim sein können und die Wahrnehmung räumlicher Aspekte in ihrer Bedeutung für die Lebensqualität hochaltriger Menschen im eigenen Zuhause- Koordinaten dieser Art bilden das Spektrum dieses Symposiums.

14:15

D. Böhm
SI Städtebau-Institut, Universität Stuttgart, Stuttgart;

S18-13-01 

.sie funktionieren anders als ein Dosenöffner - Altersspezifische Stadtwahrnehmungen und Bewegungsformen im Kontext von Stadt und Raum

Wir werden in den Städten künftig nicht nur mehr, sondern vor allem älter. Das lässt uns schon jetzt wissen, dass ‚die Stadt‘ (dann) mehr hergeben muss, als die gewohnten Formen von Wohnen, Einkaufen und Mobilität. Um auf diesen Trend reagieren zu können und verstehen zu lernen, wie die Stadt als neuer erweiterter Lebensraum für eine älter werdende Gesellschaft funktionieren kann, müssen wir uns mehr denn je mit Städten, den Bewohnern und dem alltäglichen Leben in Städten auseinandersetzten.
Zwar lassen Altersanzüge und Simulationen nachempfinden, wie sich Gebrechlichkeit und Mobilitätseinschränkung anfühlen wird, wie verschwommen man dann sieht, wie ungeschickt man sich bei einfachsten Handgriffen anstellen wird und wie schwer die Beine beim Treppensteigen werden. Wie sich das „Alt-sein“ aber tatsächlich anfühlt, und wie die motorischen Einschränkungen dabei empfunden werden, können im Grunde aber nur diejenigen berichten, die jetzt schon im echten Altersanzug stecken – die heute 70jährigen. In einer Vergleichsstudie mit jungen (24-29jährigen) und älteren (70-75jährigen) Personen wurden im Rahmen des Forschungsprojekts Blickwechsel der Robert Bosch Stiftung zwei ganz unterschiedliche Probandengruppen in echten Lebenssituation einer Stadtstudie befragt. Das Forschungsinteresse war dabei auf die Stadtwahrnehmung bei der Bewegung durch den Realraum der Stadt Mannheim gerichtet. Bei einem Spaziergang galt es herauszufinden, worin sich das Verhalte n in bekannten und neuen Situationen unterscheidet, woran man sich in der Stadt orientiert und wie sich dieses Empfinden auf die jeweilige Altersgruppe der Testpersonen auswirkt.
Es wurde die Frage gestellt, wie wir auf diese Erkenntnisse als Architekten und Planer bzw. als Kommunen reagieren und bei der praktischen Übersetzung auf den Stadtraum ansetzen können? Wo und wie können wir den Stadtraum so gestalten, dass zum einen die Bedürfnisse und Wünsche der (alternden) Gesellschaft erfüllt und gleichzeitig anspruchsvolle, die ältere Gesellschaft fordernde Raumfolgen und Orte entstehen?

14:35

T. Ihme; A. Hedtke-Becker1; H.-P. Haar1; R. Kettler1; J. Matuschek-Geisler1
Institut für Robotik, Fakultät für Informatik, 1 Fakultät für Sozialwesen, Hochschule Mannheim, Mannheim;

S18-13-02 

Niedrigschwellige Kommunikation im höheren Lebensalter- Technik und Sozialarbeit verbinden ältere Menschen in Mannheim und ihre entfernt lebenden Angehörigen und Freunde

Moderne lnformations- und Kommunikationstechnologien durchdringen immer mehr unsere Lebens- und Arbeitswelt. Dabei müssen wir uns stets mit aktuellen und neuen Technologien auseinandersetzen. Die Lebens- und Erfahrungswelt älterer Menschen (über 75 Jahre) war während ihrer beruflich aktiven Zeit bei weitem nicht so stark von lnformations- und Kommunikationstechnologien geprägt, wie heute. Senioren entscheiden sich z.B. dafür, den neuen Entwicklungen nach Möglichkeit auszuweichen (,,lnternet brauche ich nicht"), oder sie beschäftigen sich im Gegenteil intensiv mit den neuen Techniken (z.B. Webredakteure eines Selbsthilfevereins). Auch krankheitsbedingt können die Fähigkeiten zur Nutzung moderner Technologien eingeschränkt sein, etwa in frühen Stadien einer Demenz oder auf Grund einer Sehbehinderung. Diese Studie beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Personenkreis, der nicht technik-affin und die Nutzung der neuen Technologien eher ablehnend gegenüber steht.
Für ältere Menschen ist es wichtig, dass sie so lange wie möglich selbstbestimmt leben können. Da
Verwandte oft berufsbedingt nicht in der Nähe wohnen können, ist es schwierig, einen Anschluss an das Familienleben durch häufige Besuche aufrecht zu erhalten. Die Studie greift die ldee auf, niedrigschwellige Kommunikations-Mehrwertdienste zu schaffen, die sich in die Lebens- und Erfahrungswelt älterer Menschen integrieren und psychosoziale Belange gleichermaßen berücksichtigen. Niedrigschwellig bezieht sich dabei sowohl auf die technischen Komponenten und auf deren Bedienbarkeit als auch auf psychosoziale Barrieren. Durch technische und soziale Maßnahmen wird dafür gesorgt, dass den existierenden Nutzungsvorbehalten möglichst entgegen gewirkt wird. Das wird beispielswese dadurch erreicht, dass ein Gesprächsaufbau nur dann erfolgt, wenn ein Telefonhörer abgehoben wird. Gleichzeitig werden aber Möglichkeiten zur Bildtelefonie genutzt, um eine möglichst gute Teilhabe am Familienleben zu ermöglichen. Der zur Bildtelefonie verwendete Bildschirm kann zusätzlich als Pinnwand und Nachrichtenzentrale genutzt werden.
Hierdurch entstehen Mehrwertdienste, die in vielfältiger Weise weitergenutzt und erweitert werden können. Durch die gleichgewichteten technischen und sozialarbeiterischen Kompetenzen im Kernteam können transdisziplinäre Fragestellungen identifiziert und bearbeitet werden. Ziel der Studie ist, die bisher nur in wenigen Prototypen realisierte Technologie verfügbar zu machen, mit entsprechenden Nutzergruppen zu testen und neue Szenarien für die Anwendbarkeit niedrigschwelliger Kommunikations-Mehrwertdienste zu finden.

14:55

M. Wolfinger; A. Hedtke-Becker1; S. Baas2
Abteilung Benediktbeuern, Katholische Stiftungsfachhochschule München, Benediktbeuern; 1 Fakultät für Sozialwesen, Hochschule Mannheim, Mannheim; 2 Instsitut für Sozialpädgogische Forschung Mainz gGmbH, Mainz;

S18-13-03 

Nischen als Utopie- Pflegeheime und ihre „geheimen Räume” aus Bewohnersicht

Die Institution Pflegeheim, als ein Bestandteil gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion, funktioniert wesentlich nach formalen und informellen Regulierungen. Die damit verbundenen Machtstrukturen und Konflikte wurden theoretisch-konzeptionell gefasst sowie diese „fremde Welt Pflegeheim“ (Koch-Straube) empirisch analysiert. Die dort lebenden Bewohner und Bewohnerinnen weisen, über das Wohnen – reduziert auf Einzel- bzw. Doppelzimmer sowie der Nutzung von Gemeinschaftsräumen – hinausgehend, weitere typische Aspekte ihrer Lebenslage auf:
1. Ihre gesundheitliche Lage ist vulnerabel.
2. Sie haben i.d.R. einen hohen Pflegebedarf und damit verbunden, einen hohen Autonomieverlust in ihrer Alltagsgestaltung.
3. Die sozialen Netzwerke können teils nicht selbst gewählt bzw. selbständig aufrechterhalten werden.
Alles in allem, kann man von stark deterministischen Bedingungen ausgehen, die massiv in die alltägliche Handlungspraxis der Bewohner hineinwirken und ihre subjektive Lebensqualität beeinflussen. Aus interventionsgerontologischer bzw. sozialarbeiterischer Sicht ist die Selbstbestimmung der Bewohner der Schlüssel zu einer eigenständigeren Gestaltung der Lebenswelt Pflegeheim und damit auch zu einer Verbesserung ihres Wohlbefindens.
Das hier vorzustellende Praxis-Forschungsprojekt, wurde vom Sozialministerium Baden-Württemberg gefördert (Laufzeit 2011-2014). Beteiligte sind die Hochschule Mannheim und das ISM Mainz sowie der Qualitätssicherungsverbund stationärer Pflegeeinrichtungen im Landkreis Heilbronn (QSV). Entwickelt wurde ein praxistaugliches Instrument zur Erfassung und Beeinflussung des Wohlbefindens der Bewohner/innen.
Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie die institutionellen Rahmenbedingungen beeinflusst werden können und, wie die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sinnvollerweise intervenieren können, um das Wohlbefinden der älteren Menschen zu fördern. Diese verbringen an dem Ort ihren Alltag, der für die anderen Akteure Arbeitsstelle oder Besuchsort ist. Gerade deshalb ist i.R. des Projektes die Handlungsorientierung der Bewohner von wesentlicher Bedeutung. Inwiefern ist Selbstbestimmung (als Kernkategorie von Wohlbefinden) für die Älteren überhaupt handlungsleitend? Welche Ressourcen stehen ihnen zur Verfügung und wie und in welchen Lebensbereichen schaffen sich die dauerhaft im Heim Lebenden entsprechende „Nischen“?
Qualitative, leitfadengestützte Interviews wurden mit Bewohnern und Bewohnerinnen von vier Einrichtungen des eines Qualitätsverbundes stationärer Einrichtungen geführt. Inhaltsanalytisch konnten verschiedene „Nischenaktivitäten“ und Gestaltungsressourcen entdeckt werden, die der Selbstbestimmung dienen.
Gleichzeitig muss das Offenlegen dieser Handlungspraxen aber kritisch reflektiert werden. Denn indem alltägliches Handeln für die Interaktion sichtbar sowie institutionell erfass- bzw. beeinflussbar wird, könnte das damit verfolgte Ziel, die Verbesserung des Wohlbefindens der Bewohner und Bewohnerinnen, ad absurdum geführt werden. Die Forschergruppe reflektiert deshalb auch das eigene Vorgehen und den Forschungs-Praxis-Transfer, um wirklich zielführende Interventionen, für mehr Wohlbefinden in der stationären Pflege, entwickeln zu können.

15:15

E. Stengel
Institut für Sozialpädagogische Forschung gGmbH, Mainz;

S18-13-04 

Aspekte des Raums in der Lebensqualität hochaltriger Menschen in Mannheim

Was verstehen hochaltrige Menschen in der eigenen häuslichen Umgebung selbst unter Lebensqualität? Diese Fragestellung bildet den Ausgangspunkt der Ergebnisse der vorliegenden Masterarbeit an der Hochschule Mannheim. Es wurden neun problemzentrierte Interviews mit hochaltrigen, zuhause lebenden Mannheimer/innen geführt und auf Basis der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. Die Beschreibung der Lebensqualität ist komplex. Viele wechselseitig aufeinander wirkende Komponenten ergeben in ihrer Gesamtheit das Konstrukt der Lebensqualität. In der eigenen qualitativen Forschung konnten elf Dimensionen von Lebensqualität ausfindig gemacht werden. Im Rahmen des Symposiums soll besonderes Augenmerk auf die Aspekte des Raums gelegt werden. Dieser ist per se eng mit der Lebensqualität, den Möglichkeiten und Grenzen sämtlichen Eingebundenseins der älteren Menschen verbunden. Die Gestaltung des Raums bedeutet somit auch die Gestaltung der Lebensbedingungen und letztendlich der Lebensqualität für die ältere Bevölkerung.
‚Mobilität‘, ‚Freizeitaktivitäten‘, ‚Räumliche Lebensumwelt‘ und ‚Am Leben Teilnehmen‘ wurden als relevante Kategorien der Thematik extrahiert und stehen im Fokus.
Die ‚Mobilität‘ wurde als zentrale Lebensqualitätsdimension identifiziert. Einschränkungen können zu einem Rückgang der Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben führen und wurden vielfach als Verminderung der Lebensqualität wahrgenommen. Auch die Ausgestaltung von ‚Freizeitaktivitäten‘ hängt von der Mobilität, die viel mehr ist als sich bewegen zu können, ab. Lebensqualitätsfaktoren bezüglich der Wohnung sowie des Wohnumfelds wurden unter der Kategorie ‚räumliche Lebensumwelt‘ zusammengefasst. Die Ausgestaltung der eigenen Wohnung hat gerade bei multimorbiden Älteren eine wichtige Bedeutung hinsichtlich Lebensqualität und Mobilität. Bezüglich des Wohnumfelds wurden vor allem das Erleben von Natur und das Bewegen außer Haus als Bezug zur räumlichen und sozialen Umwelt als zentral verortet. ‚Am Leben teilnehmen‘ wurde als In-Vivo-Code übernommen und beschreibt den zentralen Wunsch sich selbst in Wechselbeziehung zu anderen bzw. dem Äußeren zu sehen wird damit beschrieben. Zu allen Kategorien steht umfangreiches Material zur Verfügung, aus dem beispielhaft präsentiert wird.

Diskutant: U. Otto, Zürich/CH

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