Freitag, 18.09.2015

09:30 - 11:00

C310

S18-03

Care: Die normative Kraft des Faktischen ?

Moderation: U. M. Fichtmüller, Dresden; S. Kühnert, Bochum

In der Diskussion um die Weiterentwicklung der pflegerischen Versorgung und des Verständnisses von professioneller Pflege wird seit einiger Zeit eine Differenzierung von Pflege in die Bereiche von „cure“ und „care“ vorgenommen und deren Sinnhaftigkeit kontrovers diskutiert. Trotz bislang noch ausstehender theoretischer und konzeptioneller Klärung der Begrifflichkeiten werden auf Grundlage dieser Differenzierung Ansätze für eine Neuordnung ihrer leistungsrechtlichen Grundlagen entwickelt. Zudem werden - angesichts des Fachkräftemangels und einer möglichen zukünftigen generalistischen Pflegeausbildung – Tendenzen erkennbar, Berufe und Qualifikationen im Beschäftigungsfeld von Care auf einem niedrigeren Niveau als eigenständige und von der Pflege getrennte Qualifikationsbereiche festzuschreiben, ohne dies fachlich in einem umfassenden Berufsgruppenkonzept zu begründen.

Das Ziel des eingereichten Symposiums besteht deshalb im Versuch einer Standortbestimmung in der Diskussion um die Bedeutung von Cure und Care und deren theoretischer Fundierung, die im Unterschied zur USA bislang noch aussteht. Fragen wie „Gibt die Übersetzung des Begriffs „care“ in „Sorge und Sorgearbeit“ dessen ursprüngliche Bedeutung korrekt wieder? Bedarf es mit Blick darauf einer Standortbestimmung und eines Wertedialogs? Was bedeutet eine derartige Unterscheidung für die Ausgestaltung professioneller Pflege und welche Probleme sind damit verbunden?“ Ist die faktisch sich abzeichnende Zuschreibung von Care an unterschiedliche vielfach geringer qualifizierte Berufsgruppen im Feld von Hauswirtschaft und Betreuung sinnvoll und fachlich angemessen? Welche Konsequenzen ergeben sich bei einer derartigen Differenzierung für Qualifikationen und Berufsgruppenkonzepte?“ Diese Fragen sollen im Symposium aufgegriffen und diskutiert werden.

Einleitend erfolgt mit dem Vortrag von Kohlen „Sorge, Sinn und System – Zu den theoretischen und ethischen Grundlagen der Bedeutung von Care“ eine Auseinandersetzung zum grundsätzlichen Verständnis von Care. Im Anschluss daran setzt sich der Beitrag von Zander „Persönliche Assistenz statt Fürsorge – ein Modell für alte Menschen mit Pflegebedarf?“ damit auseinander, was es bedeuten würde, Prinzipien der persönlichen Assistenz auf den Care-Bereich zu übertragen. Im dritten Beitrag „Qualifikationen für Care“ werden von Heislbetz und Strauch Konsequenzen für die Ausgestaltung von Qualifikationsprofilen in diesem Beschäftigungsfeld und Gefahren einer möglichen Dequalifizierung diskutiert. Abschließend werden Hämel und Röber als Diskutantinnen anhand von Thesen mögliche Konsequenzen und Problem in Bezug auf das Leistungsrecht, die Gesundheitspolitik und die Professionalisierungsdebatte in der professionellen Pflege diskutieren.

09:30

H. Kohlen
Lehrstuhl Care Policy und Ethik, Philosophisch-Theologische Hochschule, Vallendar;

S18-03-01 

Sorge, Sinn und System – Zu den theoretischen und ethischen Grundlagen der Bedeutung von Care

Seit den 1990er Jahren hat sich im Gesundheits- und Pflegewesen ein Autonomie- resp. Selbstbestimmungsdiskurs im Rahmen von ethischen Fragestellungen durchgesetzt, sei es im Kontext von Patientenverfügungen, der Pränatal - Diagnostik oder dem Assistierten Suizid. Care-(Ethik) Diskurse hatten dabei bisher eine Randstellung, selbst in nationalen Pflege(ethik)- Debatten.

In meinem Einführungsvortrag zeichne vor dem Hintergrund von Befunden einer internationalen Care-(Ethik) Agenda, die Entwicklung des nationalen Caring-(Ethik) Diskurses nach und stelle theoretische Ansätze vor, die ethisch-politisch relevant für Fragen in der Auseinandersetzung mit dem demographischen Wandel sind. Zur Diskussion stelle ich folgende Fragen: Wie kann konkrete Sorgearbeit in Pflegebereichen aussehen bzw. darf sie nicht aussehen? Welchen Sinn macht eine Care-Orientierung für wen? Welche Rolle spielt eine kritische Care- Positionierung im aktuellen (Gesundheits- und Pflege-) System?

09:30

M. Zander
Hochschule Magdeburg-Stendal, Stendal;

S18-03-02 

Persönliche Assistenz statt Fürsorge – ein Modell für alte Menschen mit Pflegebedarf?

Im Zuge des US-amerikanischen „Independent Living Movement“ und der westdeutschen „Krüppelbewegung“ entwickelten behinderte Menschen ab den 1970er Jahren eine neue Form der Hilfe, die sie für sich und andere einforderten. Persönliche Assistenz hinterfragte das überkommene Verständnis von professioneller Pflege und privater Fürsorge und stellte die Selbstbestimmung behinderter Menschen in den Mittelpunkt. Die zentrale Idee von Assistenz besteht darin, dass die behinderte Person kontrolliert, wer ihr wie, wo, wann und wobei hilft. Die Vergütung von Assistenz aus öffentlichen Mitteln gewährleistet dabei die relative Unabhängigkeit Behinderter von persönlicher Hilfsbereitschaft und paternalistischen Vorstellungen von Fürsorge. Der Vortrag geht der Frage nach, inwiefern Persönliche Assistenz ein zukunftsträchtiges Modell für alte Menschen mit Pflegebedarf darstellt (vgl. Zander 2015) – sei es als Alternative zu oder als Teil von „Care“. Beleuchtet werden sollen dabei auch Problem- und Konfliktpotenziale in folgenden Bereichen: - Persönliche Assistenz wird bisher nicht durch ein Bundesgesetz, sondern lediglich durch Vereinbarungen in den Ländern geregelt. - Assistenz ist kein Berufsbild, aber eine anspruchsvolle, hochqualifizierte Leistung (vgl. Kotsch 2012), der allerdings keine entsprechende Vergütung gegenübersteht. Eine formalisierte berufliche Qualifikation würde jedoch das Tätigkeitsfeld für Ungelernte schließen und die Wahlfreiheit der Behinderten einschränken. - Bemühungen, die Arbeitsbedingungen von Pflegenden zu verbessern – z.B. im Rahmen einer „Care Revolution“ (vgl. Winker 2015) –, vernachlässigen oft die Perspektive der Pflegebedürftigen.

Literatur Kotsch, Lakshmi (2012). Assistenzinteraktionen. Wiesbaden: Springer VS. Winker, Gabriele (2015). Care Revolution. Berlin: transcript. Zander, Michael (2015). Autonomie bei (ambulantem) Pflegebedarf im Alter. Bern: Hans Huber.

09:50

C. Heislbetz; I. Strauch
Hans-Weinberger-Akademie der AWO e.V., München;

S18-03-03 

Qualifikationen für Care

Das Konzept von Care schafft wichtige Erweiterungen in den Gestaltungsmöglichkeiten von Versorgungsarrangements für sorgebedürftige – nicht nur – ältere Menschen. Diese Erweiterungen sind notwendig, da angesichts des demografischen Wandels und des damit einhergehenden Fachkräftemangels die Versorgung in den bisherigen Arrangements nicht mehr sicherzustellen ist und diese den veränderten Lebenslagen älterer Menschen und den damit verbundenen Erwartungen an Pflege und Versorgung immer weniger gerecht werden. Nicht zuletzt zur Stabilisierung von Versorgungsarrangements in der eigenen Häuslichkeit und/oder im Quartier sowie zur Sicherung sozialer Teilhabe ist es unausweichlich, das Professions- und Berufsfeld Care zu stärken. Im Feld von Care gelangen Kompetenzen insbesondere in den Bereichen der sozialen Betreuung und der hauswirtschaftlichen Versorgung in den Blick, die bislang zu wenig Aufmerksamkeit fanden. Mit ihrer zunehmenden Bedeutung muss eine vertikale und horizontale Differenzierung und Professionalisierung auch in diesem Bereich einhergehen. Beispielsweise ist dem verbreiteten Irrtum zu begegnen, die Aufgaben der sozialen Betreuung seien exklusiv auf der Hilfskraftebene anzusiedeln. Die vertikale und horizontale Differenzierung ist in den Qualifikationsprofilen ebenso abzubilden, wie die Kompetenz zur interprofessionellen Zusammenarbeit und zur Integration der verschiedenen humandienstlichen Leistungen im Sinne eines breiten Berufsgruppenkonzeptes zwischen Cure und auch Care.

Diskutantinnen: K. Hämel, Bielefeld; M. Röber, Frankfurt a. M.

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