Donnerstag, 17.09.2015

14:00 - 15:30

C211

S17-02

Assistenzsysteme zur Unterstützung sozialer Teilhabe

Moderation: C. Kricheldorff, Freiburg

Das Forschungsfeld Assistive Technologien beschäftigt sich mit der Anwendung neuer Formen von Technikunterstützung im Alltag sowie in der Pflege und Gesundheitsversorgung für Menschen mit Hilfebedarf. Mögliche Anwendungen sind z.B. die Erkennung von Gefahrensituationen wie Sturz oder Brandgefahr, Einsatz von Videokommunikation, Erinnerungssysteme zur Medikamenteneinnahme, spielerische Systeme zum körperlichen und kognitiven Training oder aber auch Systeme zur Kompensation von nachlassenden sensorischen Fähigkeiten. Entsprechende Lösungsansätze werden in der Forschung häufig auch unter dem Begriff „Ambient Assisted Living“ (AAL) zusammengefasst. Zur Entwicklung und Untersuchung solcher AAL-Anwendungen haben die Hochschule Furtwangen, die Hochschule Ravensburg-Weingarten und das Steinbeis-Innovationszentrum Sozialplanung, Qualifizierung und Innovation, Weingarten, sowie die Katholische Hochschule Freiburg gemeinsam mit der Universität Freiburg ein „Zentrum für Angewandte Forschung AAL“ eingerichtet. Die Besonderheit des neuen Zentrums besteht in der engen Verflechtung zwischen technischen, sozialwissenschaftlichen und gerontologischen Kompetenzen: Im ZAFH-AAL arbeiten Wissenschaftler aus den Ingenieurwissenschaften, der Informatik, der Soziologie, der Pflegewissenschaft sowie der Sozialen Gerontologie in praxisorientierten interdisziplinären Projekten zur Entwicklung neuer Assistenzsysteme zusammen. In verschiedenen Teilprojekten werden neue Technologien entwickelt – sozialwissenschaftliche, ethische und gerontologische Fragestellungen werden im Prozess kontinuierlich mit den technischen Entwicklungen verknüpft, reflektiert und integriert. Dabei geht es um grundlegende Fragen zu Anforderungen, Trends und Rahmenbedingungen für AAL-Systeme. Diese werden untersucht und in einem breiten partizipativen Diskurs zu ethischen, sozialen und sozialrechtlichen Fragen vorangetrieben. Im Symposium sollen Extrakte des Diskurses aus diesem sowie aus einschlägigen Vorgängerprojekten vorgestellt und diskutiert werden.

14:00

C. Kunze
Hochschule Furtwangen, Furtwangen;

S17-02-01 

Integrierte Forschung zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Erfahrungen zu Forschungsansätzen im Kontext der Entwicklung von technischen Assistenzsystemen

Fragestellung: Im Kontext der Forschungsförderung zu technischen Assistenzsystemen zur Unterstützung sozialer Interaktion wird, insbesondere seitens des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, in den letzten Jahren der Ansatz der Integrierten Forschung (BMBF, 2013) postuliert. Damit verbunden ist der Anspruch, Fragestellungen zu Nutzerbedürfnissen und Nutzerakzeptanz, zu ethischen, rechtlichen und sozialen Fragestellungen oder auch zu ökonomischen Aspekten nicht in Form von Begleitforschungsprojekten getrennt von technischen Forschungsarbeiten zu behandeln, sondern deren Bearbeitung von Beginn an in Entwicklungsprojekte zu integrieren. In der Forschungspraxis bestehen bei Umsetzung dieses Zieles erhebliche Herausforderungen, beispielsweise im gegenseitigen Verständnis von Forschungsfragen, -ansätzen und –zielen, in der Planung und Synchronisierung von Forschungsaktivitäten, oder auch in Bezug auf die Balance zwischen Theorie- und Praxisorientierung, Abstraktion und Konkretisierung.
Methoden: Im Beitrag werden Erfahrungen aus verschiedenen Forschungsprojekten zu methodischen Ansätze zur Verzahnung von technischer und sozialwissenschaftlicher Forschung vorgestellt und mit mit Erfahrungen aus der Literatur abgeglichen.
Ergebnisse: Eine wesentliche Erfahrung besteht darin, dass für interdisziplinäre Aushandlungsprozesse „greifbaren“ Forschungs- und Entwicklungsartefakten und deren für alle Seiten verständliche Repräsentation eine große Bedeutung zur Förderung eines reflexiven Diskurses zukommt. In diesem Kontext haben sich beispielsweise Ansätze aus dem Scenario-based Design (Rosson und Caroll, 2009) und erlebbare Technologiedemonstratoren (Müller, Kötteritzsch und Budweg, 2012) neben teilnehmenden Beobachtungen in Versorgungsprozessen als Aushandlungsartefakte bewährt. Eine zweite wesentliche Erfahrung legt nahe, an Stelle einer phasenorientieren, langfristigen Vorausplanung sehr kurze iterative Forschungszyklen vorzusehen, und in Anlehnung an agile Entwicklungsprozesse in einer gemeinsamen Reflexion Forschungsaktivitäten für die jeweils nächste Iteration zu planen. Hierdurch kann eine wesentlich höhere Transparenz über Aktivitäten im Forschungsverbund erreicht werden. Für die Akzeptanz solcher Forschungsprozesse ist es wesentlich, entsprechende Aktivitäten und Ressourcen in der Projektplanung explizit vorzusehen und auch Rollen und Verantwortlichkeiten für die Moderation des Austauschprozesses explizit festzulegen.

14:20

S. Kallfaß
Sozialplanung, Qualifizierung und Innovation, Steinbeis-Innovationszentrum, Meersburg;

S17-02-02 

Inklusives Leben im ländlichen Raum: Fördert technikgestützte soziale Interaktion die Teilhabe älterer Menschen?

In der Präsentation wird eine Untersuchung im Rahmen des BMBF-geförderten Projekts KoopAS (Unterstützung lokaler kooperativer Sozialmodelle im ländlichen Raum durch planerisch-technische Assistenzsysteme) vorgestellt. Es werden mittels zweier qualitativer Befragungen die Potenziale bestehender Familienstrukturen, nachbarschaftlicher Systeme und der Gemeinde im Blick auf die Erhaltung selbständigen und integrierten Lebens vor und nach Einsatz eines Tablets, mit dessen Hilfe Bewohner der Gemeinde sich über Gemeindeaktivitäten informieren, wichtige Dienstleistungen anfordern und Kontakte zu anderen Nutzern pflegen können, erhoben. Die Fragestellung unserer Untersuchung zielt auf Erkenntnisse dahingehend, in welchen Lebensformen derartige Tablets mit Erfolg eingesetzt werden können, das heißt, auf Wirkungen der Verwendung der Tablets im Blick auf neue und schon bestehende soziale Beziehungen.
Juni 2012: Leitfadeninterviews bei 20 zufällig ausgewählten Personen zwischen 60 und 85 Jahren. Mittels QDA-Software wurden vier Bewohnertypen entwickelt.
Die vier Bewohnertypen / Lebensformen sind:
Typ 1: Der ganzheitlich familiengebundene, sich auf die Angehörigen verlassende ältere Mensch, der Planung und Technik den unterstützenden Angehörigen überlässt. Er lebt meist im Mehrgenerationenhaus, meist im Außenbereich, aber auch „im Dorf“.
Typ 2: Der Mensch, der sich in einer multilokalen Mehrgenerationenfamilie (Bertram / Beck-Gernsheim) eingebunden fühlt, selbständig lebt, meist „im Dorf“ wohnt und sich für alles interessiert, was seine Autonomie, Freiheit und selbständige Beziehungsaufnahme stärkt.
Typ 3: Der alleinlebende, sozial interessierte und offene Mensch.
Typ 4: Der allein, zurückgezogen lebende Mensch.
Bei Personen aus diesen 4 Gruppen wurden in einem Beteiligungsverfahren entwickelte Tablets eingesetzt. In einer Befragung nach dem Feldtest im April 2015 wird noch einmal auf die Wirkung geblickt, die die Nutzung der verschiedenen Funktionen des Tablets auf den Alltag der Nutzer, aber auch auf ihre sozialen Bezüge (Familie, Nachbarschaft, Gemeinde) haben. Insbesondere ist von Interesse, ob neue soziale Strukturen entstehen und bestehende, funktionierende alte Strukturen ersetzt werden. Die Methode entspricht der ersten Erhebung und Auswertung.

14:40

M. H.-J. Winter; B. Weber-Fiori
Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit, Pflege, Hochschule Ravensburg-Weingarten, Weingarten;

S17-02-03 

Technik und professionelle Pflege: Konturen eines (noch?) schwierigen Verhältnisses

Professionelle Pflege versteht sich einerseits als prozesshafte und interaktive Dienstleistung, die sich an der zu pflegenden Person, ihren Ressourcen sowie ihrem soziokulturellen Umfeld und somit an allgemeinem (wissenschaftlich fundiertem?) Regelwissen sowie hermeneutischem Fallverstehen orientiert. Andererseits wird professionelle Pflege zunehmend mit AAL- Technik konfrontiert: Insbesondere die pflegenahen Jahrgänge sind nicht selten bereits mit Assistenzsytemen ausgerüstet wenn sie pflegerische Hilfen beanspruchen. Desweiteren wird AAL- Technik häufig erst im Laufe einer professionellen Pflege, beispielsweise auf Wunsch von Angehörigen, in der Häuslichkeit installiert. Hierbei kommt den verantwortlichen Pflegekräften eine entscheidende Beratungs-/ Anleitungsfunktion zu, die teils auch berufsrechtlich verankert ist. Ferner ist Pflege verpflichtet, technische Innovationen in sinnvoller Weise in ihre Therapiepläne einzubinden, um einen größtmöglichen Nutzen für alle Beteiligten zu erzielen.
Methode: Der Beitrag basiert auf a.) Befunden einer schriftlichen Befragung zur technikgestützten Geruchssensorik bei 60 Pflegefachkräften aus drei Altenheimen unter Nutzung teils standardisierter Instrumente zur Technikakzeptanz sowie b.) auf Ergebnissen einer Fokusgruppendiskussion mit 13 ambulant täitgen Pflegefachkräften zum Thema Monitoring in der Pflege.
Ergebnisse: Die Bereitschaft professioneller Pflege zum Einsatz von Assistenzsytemen ist eng verknüpft mit Erwartungen an eine Zeitersparnis bei der Durchführung pfegerischer Interventionen sowie an eine fehlerlose Funktion der Technik. Zugleich wird deutlich, dass die gewonnenen zeitlichen Ressourcen keinesfalls direkt den Pflegebedürftigen zu Gute kommen, sondern anderweitig genutzt werden (müssen). Ferner fühlt sich professionelle Pflege durch den Einsatz der Assistenzsysteme in ihrer Professionalität bedroht,v.a. dann, wenn die Systeme körpernah zum Einsatz kommen.Darüber hinaus wird befürchtet, technikinduzierte neue Bedarfe zu identifizieren, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht befriedigt werden können und ein bereits bestehendes "pflegerisches Unbehagen" hinsichtlich der Verdsorgung verstärken.
Diskussion: AAL Technik im Kontext professioneller Pflege wirft offensichtlich auch Fragen nach einem Interessenausgleich auf, d.h. technikinduzierte Innovationen können bei Pflegebedürftigen Effekte erzielen, die in der professionellen Pflege eher als Bedrohung und/ oder Belastung wahrgenommen werden.

15:00

C. Kricheldorff; L. Tonello
Insitut für Angewandte Forschung und Entwicklung, Katholische Hochschule Freiburg, Freiburg;

S17-02-04 

Sozialgerontologische und ethische Dialogprozesse – mehr als eine Feigenblattfunktion?

Hintergrund: Entwicklung und Einsatz von technischen Systemen für Menschen mit Hilfebedarf führen zwangsläufig zu sozialwissenschaftlichen und ethischen Fragestellungen. In der mittlerweile breit gefächerten Diskussion wird deutlich, dass es sich dabei um eine intensive interdisziplinäre Auseinandersetzung handeln muss. Um diesem Anspruch zu entsprechen, hat der Projektverbund ZAFH-AAL ein Metaprojekt als verbindende Schnittstelle etabliert. Dieses hat die Ermöglichung, Unterstützung und Förderung des interdisziplinären und prospektiven Dialogs zur Kernaufgabe. Unter Berücksichtigung der Ausrichtung auf Soziale Teilhabe bietet sich hier die Soziale Gerontologie als zentrale Bezugswissenschaft an, von der aus die weiteren Perspektiven bearbeitet werden.
Methode: Die Vorgehensweise des Metaprojektes ist vorwiegend prozessgeleitet. Die ermöglichende Grundstruktur basiert auf drei parallelen methodischen Ausrichtungen. Zentral ist eine Workshop-Reihe (1), die, im Sinne von Gruppendiskussionen, zur Bearbeitung der unterschiedlich relevanten Perspektiven dient. Weiterhin finden zu gegebenen Anlässen bilaterale Expertengespräche mit den Forscherteams der jeweiligen Teilprojekte statt (2) sowie eine prozessbegleitende Analyse der internen interdisziplinären Arbeit (3). Damit werden Teilergebnisse und aktuelle Fragestellungen generiert, die in den weiteren Prozess einfließen.
Ergebnisse: So entstand ein Konsens zur Profilbildung des Metaprojektes. Dieses basiert auf einer Trias aus Theorien der Sozialen Gerontologie /Inklusionstheorien, der Ethik und der Alter(n)sphilosophie. Darauf aufbauend konnte bereits eine Wertepositionierung entwickelt werden. Ferner wurde ein verbindliches Statement zum Begriffs- und Theorieverständnis der „Sozialen Teilhabe“ entwickelt. Zusätzlich entstand ein Dialoginstrument, das sowohl zur Förderung und Unterstützung des interdisziplinären Dialogs, als auch zum Transfer der verbindlichen Positionierungen auf konkrete Technologieentwicklungen dient.
Diskussion: Es ist ein deutlicher Fortschritt von einer multidisziplinären hin zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit zu verzeichnen. Vor allem zeigen sich methodische Ansätze, basierend auf den Sozial- und Humanwissenschaften, die einen Transfer in andere, ähnliche Projekte möglich machen, die auf den Technikeinsatz im Lebensalltag und in Pflegesituationen zielen.

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