Donnerstag, 17.09.2015

16:00 - 17:30

C310

S17-08

Aktuelle rechtliche Reformen und Interventionsstudien zur Förderung der häuslichen Pflege

Moderation: M. Schäufele, Mannheim; K. Pfeiffer, Stuttgart

Die Förderung der häuslichen Pflege, die sich in Deutschland traditionell auf die Angehörigenpflege gründet, entspricht nicht nur dem Wunsch der meisten Menschen, sondern ist in den Sozialgesetzbüchern umfassend verankert. Neben Rahmendaten zur Situation der häuslichen Pflege von Menschen mit Demenz im Kontext neuer gesetzlichen Regelungen, werden im Symposium aktuelle und innovative Interventionsstudien in unterschiedlichen ambulanten Versorgungssettings vorgestellt. Abgerundet wird der Themenschwerpunkt durch die Kostenanalyse einer Intervention bei pflegenden Angehörigen.
Im Auftaktbeitrag “Erwerbstätigkeit und Pflege von Menschen mit Demenz in Deutschland: Ergebnisse einer Bevölkerungsstudie“ (M. Schäufele, I. Hendlmeier) werden die Möglichkeiten und Grenzen der jüngsten Reformen des Pflegezeit- und Familienpflegezeitgesetzes mit dem Fokus auf die häusliche Versorgung von Menschen mit Demenz durch Angehörige beleuchtet. Die nachfolgenden Beiträge richten sich auf die Förderung der häuslichen Pflege durch Interventionen bei unterschiedlichen Zielgruppen. Eine gemeinsame Basis dieser Interventionen bilden strukturierte Problemlöseansätze für die Beratung pflegender Angehöriger.
K. Pfeiffer präsentiert die Interventionsstudie “Problemlösen in der Pflegeberatung (PLiP Studie): Erste Erfahrungen mit dem Translationsprojekt“ und diskutiert die bisherigen Befunde im Kontext der Implementierungsforschung.
Im Beitrag „Eine sektorenübergreifende Intervention für Hüftfrakturpatienten mit kognitiven Einschränkungen und deren Angehörige: Studienprotokoll und Ergebnisse der Pilotstudie“ (M. Groß, I. Hendlmeier, M.Kohler) spielt Beratung im häuslichen Umfeld mittels strukturiertem Problemlösen ebenfalls eine große Rolle. Weitere Schwerpunkte dieses Programms sind der Einsatz eines Zielfindungsassessments sowie ein motorisches Training unter Einbeziehung von Laieninstruktoren.
In „Eine Kostenanalyse am Beispiel der TIPS Studie“ kann Tanja Wollensak schließlich zeigen, dass signifikante Verbesserungen in psychosozialen Endpunkten bei pflegenden Angehörigen durch eine telefonische Intervention nicht mit einer erhöhten Inanspruchnahme von medizinischen und sonstigen Leistungen verbunden waren.

16:00

M. Schäufele; I. Hendlmeier
Fakultät Sozialwesen, Hochschule Mannheim, Mannheim;

S17-08-01 

Erwerbstätigkeit und Pflege von Menschen mit Demenz: Ergebnisse einer Bevölkerungsstudie in Deutschland

Hintergrund: In Deutschland trat zum 1.Januar 2015 die gemeinsame Reform des Pflegezeit- und Familienpflegezeitgesetzes in Kraft. Intention seitens des Gesetzgebers war, die rechtlichen Rahmenbedingungen den demografischen bedingten Erfordernissen einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege sowie einer verlängerten Lebensarbeitszeit anzupassen.
Ziele: Vor diesem Hintergrund soll die Studie die häusliche Pflege von Menschen mit Demenz in Deutschland beleuchten. Der Fokus liegt auf der Situation pflegender Angehöriger, insbesondere auf den Anforderungen und Belastungen durch Erwerbstätigkeit und Pflege.
Methodik: Ausgehend von einer bundesweiten Repräsentativerhebung durch TNS Infratest Sozialforschung wurden über 60jährige Personen mit Hilfebedarf und kognitiven Auffälligkeiten in Privathaushalten zufällig ausgewählt (N=306, Durchschnittsalter: 80,2 Jahre, 68,6% Frauen) und deren Hauptpflegeperson (HPP) (N=262) und mittels eines standardisierten Interviews untersucht (Förderung: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend).
Ergebnisse: Die häusliche Betreuung und Pflege wurde fast ausschließlich von Familienangehörigen getragen (Durchschnittsalter: 61 Jahre, 73% Frauen). 33% der (noch erwerbsfähigen) HPP von Demenzkranken haben ihre Erwerbstätigkeit zu Gunsten der Pflege eingeschränkt oder aufgegeben. Aktuell erwerbstätig waren 26,4%. Im erwerbsfähigen Alter (angesetzt bis 64 Jahre) waren immerhin 60%. Die subjektive Belastung der HPP nahm unter anderem mit dem Vorliegen nicht-kognitiver Symptome seitens der Pflegebedürftigen signifikant zu; der Erwerbstätigkeitsstatus beeinflusste das Belastungserleben nicht.
Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Erwerbstätigkeit und Pflege von Menschen mit Demenz nur eingeschränkt und unter bestimmten Bedingungen vereinbart werden können. Skepsis ist angebracht, dass die jüngsten Reformen die Vereinbarkeit der Pflege von Menschen mit Demenz und Erwerbstätigkeit ausreichend fördern können.

16:20

K. Pfeiffer; A. Pendergrass; D. Klein; J. Grünwald$1; C. Becker; M. Hautzinger1
Klinik für Geriatrische Rehabilitation, Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart; 1 Klinische Psychologie und Psychotherapie, Psychologisches Institut, Eberhard Karls Universität Tübingen, Tübingen;

S17-08-02 

Problemlösen in der Pflegeberatung (PLiP Studie): Erste Erfahrungen mit dem Translationsprojekt

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl an Interventionsstudien zur Unterstützung pflegender Angehöriger. Die erfolgreiche Translation und Implementierung entsprechender evidenzbasierter Konzepte in Versorgungssettings ist von wenigen Ausnahmen abgesehen (z.B. Nichols et al. 2014) bislang jedoch nur in sehr bescheidenem Umfang gelungen. Dies mag zum einen daran liegen, dass die bezüglich Diagnosen (z.B. Demenz, Schlaganfall) und Zeitpunkten (z.B. beginnende demenzielle Entwicklung, Palliativpflege) ausdifferenzierten wissenschaftlichen Untersuchungen meist nur wenig oder zumindest geringer ausdifferenzierten Versorgungsangeboten gegenüberstehen. Die Translation und Implementierung wird des Weiteren durch eine große regionale Varianz von Anbietern und deren jeweilige Vernetzung sowie institutionsspezifischer Hindernisse erschwert. Mit der PLiP Studie wird mit einem strukturierten Problemlöseansatz eine Methode aufgegriffen, die in unterschiedlichen Settings erfolgreich erprobt wurde. Mit dem Ansatz sollen im Rahmen einer erweiterten Beratung nach §7a SGB XI pflegende Angehörige gezielt durch die Pflegeberater von gesetzlichen Pflegekassen unterstützt werden. In einem clusterrandomisierten Design werden hierfür derzeit 50 Pflegeberater/-innen von gesetzlichen Pflegekassen in dieser Methode geschult. Die Weiterqualifikation beinhaltet drei Schulungstage sowie ein 6-monatiges Coaching durch einen Psychotherapeuten. Überprüft werden auf der Ebene der Pflegeberater die Akzeptanz und Anwendbarkeit des Ansatzes sowie auf der Ebene der beratenen pflegenden Angehörigen die Verbesserung des psychischen und körperlichen Wohlbefindens.
Es werden die bisherigen Erfahrungen in der Umsetzung des Projekts und den bislang durchgeführten vier Schulungsgruppen vorgestellt und vor dem Hintergrund aktueller Implementierungsforschung diskutiert.

16:40

M. Groß; I. Hendlmeier1; M. Kohler; K. Hauer2; M. Schäufele1; K. Pfeiffer
Klinik für Geriatrische Rehabilitation, Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart; 1 Fakultät Sozialwesen, Hochschule Mannheim, Mannheim; 2 Geriatrisches Zentrum am Klinikum der Universität Heidelberg, Agaplesion Bethanien-Krankenhaus, Heidelberg;

S17-08-03 

Eine sektorenübergreifende Intervention für Hüftfrakturpatienten mit kognitiven Einschränkungen und deren Angehörige: Studienprotokoll und Ergebnisse der Pilotstudie

Hintergrund: Zu wirkungsvollen sektorenübergreifenden und poststationären Interventionsansätzen, die die Mobilität und Aktivität von älteren Hüft- oder Beckenfrakturpatienten fördern, liegen bislang für kognitiv eingeschränkte Patienten nur wenige Daten vor. Es werden für diese Zielgruppe Interventionen benötigt, die auch nach der Entlassung aus der stationären Rehabilitation im häuslichen Setting durchgeführt werden können.
Ziele: Ziele der Studie sind a) die Entwicklung eines interdisziplinären, multifaktoriellen Interventionsprogramms für Hüft- und Beckenfrakturpatienten mit leichten bis moderaten kognitiven Einschränkungen und deren Angehörige, welches spezifisch die Übergangsphase von der stationären Rehabilitation bis zur Wiedereingliederung zu Hause berücksichtigt, b) die Entwicklung und Überprüfung eines neuen Zielfindungs-Assessments für Patienten mit leichten bis moderaten kognitiven Einschränkungen und c) die Wirksamkeitsprüfung des Programms.
Methodik: Das interdisziplinäre Interventionsprogramm verbindet Wissen aus der gerontologischen Rehabilitations- und Sportwissenschaft mit neuen Ansätzen der Pflegeberatung sowie Erkenntnissen aus der Versorgung von Menschen mit Hilfe- und Pflegebedarf (z.B. durch niedrigschwellige Unterstützungs- und Betreuungsangebote). Die innovative, viermonatige Intervention besteht aus den zwei Modulen a) „Motorisches Training unter Einbeziehung von Laieninstruktoren“ und b) „(Pflege-) Beratung mit Schwerpunkt Aktivitäts- und Partizipationsförderung“. In einer Pilotstudie wurde das Modul 1 bereits auf seine Anwendbarkeit getestet und an Hand der gewonnenen Erfahrungen optimiert. Die Überprüfung der Effektivität erfolgt von 2015-2019 anhand einer durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten randomisiert-kontrollierten Studie (RCT).
Ergebnisse/Stand: Im Beitrag werden das Studiendesign, das Interventionsprogramm sowie die Anwendung eines Zielfindungsassessments unter den Aspekten der interdisziplinären Zusammenarbeit von Physiotherapie, Sportwissenschaft und Sozialarbeit sowie der Einbeziehung von Freiwilligen vorgestellt.

17:00

T. Wollensak; D. Klein1; S. Glaser2; C. Ernst; R. Jung2; K. Pfeiffer1
Lehrstuhl für Ökonomik und Management sozialer Dienstleistungen, Institut für Health Care & Public Management, 2 Fg. Statistik und Ökonmetrie II, Institut für Volkswirtschaftslehre, Universität Hohenheim, 1 Klinik für Geriatrische Rehabilitation, Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart;

S17-08-04 

Eine Kostenanalyse am Beispiel der TIPS Studie

International wurden soziale Problemlösetherapien und -trainings zur Unterstützung von pflegenden Angehörigen in einer Reihe von Studien untersucht. Die Wirksamkeit dieser aus der kognitiven-Verhaltenstherapie stammenden Interventionsform konnte im Rahmen der TIPS Studie (Telefonische Intervention für pflegende Angehörige von Schlaganfall-Betroffenen) gezeigt werden (Pfeiffer et al. 2014). Für die Translation und Implementierung in Routinesettings sind neben dem Wirksamkeitsnachweis auch Angaben zu ökonomischen Aspekten von großer Bedeutung.

Methode:
Für die Durchführung einer Kostenanalyse wurden im Rahmen der TIPS Studie die Gesund-heitskosten auf breiter Basis per Interview sowohl vom pflegebedürftigen Schlaganfall-Betroffenen als auch dessen Hauptpflegeperson erfasst. Für alle Angaben wurden entspre-chende Geldäquivalente ermittelt. Des Weiteren wurden die Kosten der Intervention berech-net. Die verwendeten Kostensätze basieren zum Großteil auf publizierten Abrechnungsdaten und Auswertungen von Akteuren des Gesundheitswesens sowie des statistischen Bundesamtes.

Ergebnisse:
Im Rahmen der Kostenanalyse konnten für die Schlaganfall-Betroffenen vier Hauptkostenbe-reiche der direkten Kosten identifiziert werden: Heilmittelleistungen, stationäre Versorgung, ambulante Pflegedienste sowie Arzneimittel. Für die Hauptpflegepersonen entfiel ein Großteil der direkten Kosten auf die ambulante Versorgung, Arzneimittel sowie Rehabilitations- und Krankenhausaufenthalte. Darüber hinaus ergab die Kostenanalyse, dass indirekte Kosten in Form von informeller Pflege einen nicht unerheblichen Kostenfaktor darstellen.
Es konnte gezeigt werden, dass für keinen der analysierten Bereiche signifikanten Unter-schiede der durchschnittlichen Kosten zwischen Interventions- und Kontrollgruppe vorhanden sind. Die im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikanten Verbesserungen in psychosozialen Endpunkten wurden in der Interventionsgruppe ohne eine Steigerungen der Inanspruchnahme von medizinischen und sonstigen Leistungen erreicht.

Im Beitrag werden das methodische Vorgehen, die absoluten Kosten sowie deren Verteilung auf die wichtigsten Kostenbereiche vorgestellt und diskutiert.

Diskutant: H.-W. Wahl, Heidelberg

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